Kollision mit Walen: Wie groß ist die Gefahr wirklich?

Walverteidigung

Rammen schnelle Rennyachten auf hoher See häufiger Wale? Und wehren sich die Meeressäuger nun gegen die Übermacht der Schiffe in ihrer See?

Tierische Begegnung bei der Audi Hamilton Race Week © AHRW

Tierische Begegnung bei der Audi Hamilton Race Week © AHRW

Wer Hochsee-Segler nach ihren größten Gefahren auf offener See fragt, bekommt zur Antwort: Sturm, Wellen, Berufsschifffahrt, treibende Container und besonders Wale.

Denn so erhaben und beeindruckend der Anblick der riesigen Meeressäuger weit draußen auf offener See auch sein mag, so sind sie doch auch riesige „Hindernisse“, die ungesehen kreuzend, plötzlich auftauchend oder schlicht in vertikaler Hängeposition unter der Wasseroberfläche schlafend für den Segler gemeingefährlich bis fatal werden können. Egal, ob sein Boot fünf oder 20 Knoten schnell ist.

Possierliche 25-Meter-Tierchen © nabu

Possierliche 25-Meter-Tierchen © nabu

Wer im Internet mit den entsprechenden Stichworten sucht, erhält Tausende Hinweise zu Kollisionen zwischen Yachten und Walen. Bei näherem Betrachten wird jedoch offensichtlich, dass nur sehr wenige sich eines Zusammenstoßes mit den Cetacea auch wirklich sicher sind. Häufig wird mit „wahrscheinlich“ eingeschränkt, wird mit „es kann nur ein Wal gewesen sein“ argumentiert. Hätte es vielleicht auch irgendein herumtreibender Müll, ein über Bord gegangener Container oder dümpelnder Baumstamm sein können? Ja, schon, aber…

Wal oder nicht Wal?

Verwundete oder getötete Wale, verletzte Segler, ramponierte oder gar untergegangene Boote hat es offenbar überall auf der Welt gegeben, doch eine wissenschaftliche Auflistung der tatsächlichen Yacht-Wal-Kollisionen gibt es bisher offenbar noch nicht.

Gerammt und auf der Kielnase verendet © IWC

Gerammt und auf der Kielnase verendet © IWC

Meistens stützte man sich statistisch (bis heute) auf eine weltweite Online-Umfrage des Deutschen Fabian Ritter (Meer.ev), die bereits 2010 veröffentlicht wurde.

Der zufolge haben zwischen 1966 und 2010 ganze 111 nachweisliche Kollisionen zwischen Walen und Yachten stattgefunden, von denen sich wiederum die Mehrheit (75%) zwischen 2002 und 2010 abspielte.

Die International Whaling Commission zählt ebenfalls bereits seit geraumer Zeit gemeldete Kollisionen zwischen Walen und der Berufsschifffahrt, möchte aber vermehrt Unfälle mit Segelyachten einbeziehen. Die IWC-Daten sprechen von 1.076 Kollisionen – zwischen 1877 und 2010! Auch hier liegt der mit Abstand größte Teil in der Neuzeit, also der Ära der schnellen Schiffe. Gerade in den letzten Jahren häuften sich die Bilder toter Wale, die auf der Kielnase von Ozeanriesen verendeten und im Zielhafen als makabre Trophäe für Entsetzen sorgten.

Auch im Altertum machten sie die Seefahrer so ihre Sorgen ©

Auch im Altertum machten sie die Seefahrer so ihre Sorgen ©

Die Geschwindigkeit der Schiffe wird vom IWC eindeutig als der „größte Feind der Wale“ bezeichnet (die anachronistische und hirnrissige „Jagd zu Forschungszwecken“ durch Japaner und Norweger einmal ausgenommen).

Was nahtlos auf den Segelsport übertragen werden kann. Je schneller die Yachten, die draußen auf den Meeren unterwegs sind, desto höher das Risiko einer Kollision mit Walen. Anders formuliert: Je niedriger der Bootsspeed, desto größer für beide Seiten die Chancen zum Ausweichen.

 

Wal-Kollisionen mit Rennyachten – einige Beispiele:

1996 kracht Ellen MacArthur mit ihrer Kingfisher in einen Wal. Das Tier verendet und bleibt zunächst um den Kiel „gewickelt“.

1998 rast Knut Frostad mit der Innovation Kvaerner in einen Wal. Es sei „brutal wie bei einem Autounfall gewesen“ beschrieb er die Situation später.

2001 beschädigt Raphael Dinelli seine IMOCA während der Vendée Globe schwer, als er einen kreuzenden Wal rammt. Das Tier blutete stark und verendete wohl.

2002 brettert Jean Le Cam auf seiner Bonduelle während einer Qualifikationsregatta für die Route du Rhum unweit von Finisterre in einen Wal und beschädigt das Schiff schwer. Der Wal schwamm angeblich „munter weiter“ (Le Cam).

2005 fährt Bruno Peyron mit seiner „Orange 2“ während der Jules Verne Trophy in eine Schule knapp unter der Wasseroberfläche schlafender Wale und reißt dabei ein Ruder des Maxi-Kats ab.

Bei der Vendée Globe 2008 „treffen“ zwei IMOCA auf Wale und verlieren dabei ihre Schwenkkiele. Beide Boote erreichen dennoch aufrecht den nächsten Hafen – vom Schicksal der Wale ist nichts bekannt.

Während des Volvo Ocean Races 2008/09 rammen Delta Lloyd und Ericsson 3 jeweils Wale, tragen aber keine Schäden davon.

Eine Schule schlafender Pottwale knapp unter der Wasseroberfläche. © world's nature

Eine Schule schlafender Pottwale knapp unter der Wasseroberfläche. © IWC

Wehren sich die Wale?

Ein weiteres Phänomen sind die sich häufenden vermeintlichen „Angriffe“ durch Wale. Meeres- und Sozialforscher haben erst vor ein paar Jahren in den Archiven der Walfängerhochburg Nantucket herausgefunden, dass die „Essex“, die 1820 von einem weißen Pottwal im Pazifik gerammt und versenkt wurde, kein Einzelfall gewesen war. Offenbar hatten sich Pottwale darauf „spezialisiert“, ihre Schulen vor den damals allgegenwärtigen Walfängern zu schützen und rammten nachweislich viele weitere Schiffe innerhalb weniger Jahre und versenkten , neben der „Essex“, weitere dieser schwimmenden Schlachthöfe. Ein Verhalten, das so seitdem nirgendwo mehr in den Weltmeeren beobachtet werden konnte.

Legendärer Wal-Schnappschuss: 2010 springt vor Kapstadt ein Buckelwal auf eine Yacht. © Cape Town Sailing Academy

Legendärer Wal-Schnappschuss: 2010 springt vor Kapstadt ein Buckelwal auf eine Yacht. © Cape Town Sailing Academy

Doch auch heutzutage machen manche Wale mit eher selbstbewusstem Verhalten von sich reden.

Der mittlerweile weltweit bekannte (weil auf Video gebannte) beherzte Sprung eines jungen Buckelwals auf eine Yacht vor Südafrika, war offenbar kein „Fehltritt“ eines durchgeknallten Pubertierenden. Allein vor Australien und Neuseeland sind fünf solcher Fälle bekannt – alle gingen glimpflich für Mensch und Wal aus, das Boot war jeweils Totalschaden. Unvergessen auch der Wal, der einen französischen Einhandsegler beim Selfie-Filmen überraschte, stur seine Bahn zog – ein Ramming war somit unvermeidbar.

Wahrscheinlich von Schiffsschrauben verletzter Wal © greenpeace

Wahrscheinlich von Schiffsschrauben verletzter Wal © greenpeace

Und die teils extrem aggressiven Jungwale, die mitunter im Mittelmeer ihr Unwesen Treiben – z.B. nördlich von Korsika und vor der Ligurischen Küste – und dort bereits sogar Boote versenkten, sind ebenfalls hinlänglich bekannt.

Stellt sich die Frage: Wehren sich jetzt die schlauen Cetacea? Die Fachwelt ist sich uneins. Die wenigsten Meeresbilogen wollen in diesen Fällen von einem gezielten Vorgehen reden, sondern verweisen auf typische, soziale Verhaltensweisen der Tiere, die vom menschen falsch interpretiert werden. Viel wichtiger als das “Warum?” wird von den Fachleuten das Verhindern von Kollisionen bzw. entsprechende Präventiv-Maßnahmen angesehen.

Ein Wal sieht rot

Und wie kann man also solchen eher unliebsamen Begegnungen aus dem Weg gehen?

Skipper können/sollten beachten:

Typische Wal-Routen möglichst meiden.

Wale hören zwar hervorragend, ihr Gehör ist aber nach vorne ausgerichtet. Außerdem sind Schallwellen unter Wasser von vielen Störfaktoren abgelenkt.

Eine Segelyacht, etwa in Gleitfahrt, ist für sie ganz offensichtlich nicht von einem Wellengeräusch zu unterscheiden!

Wale sehen nur wenige Farben. Neueste Forschungen haben ergeben, dass Wale kein Blau und Grün „sehen“ können. Dagegen erkennen sie die Farbe Rot (Krill) – eine Farbe, der sich die kurzsichtigen Riesen dann eher „zuwenden“.

Wale reiben sich mitunter am Rumpf von Schiffen, die in schwachen Winden dümpeln. Lärm machen, rechtzeitig Motor starten!

Von verschiedenen Versicherungen wird mittlerweile empfohlen, das Echolot einzuschalten, um nahe Wale zu „vertrieben“. Viele Walforscher sehen das eher skeptisch: neugierige Jungtiere könnten sich von den artverwandten Geräuschen angezogen fühlen.

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Michael Kunst

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2 Kommentare zu „Kollision mit Walen: Wie groß ist die Gefahr wirklich?“

  1. avatar Ralph Villiger sagt:

    Aus dem Bericht zum OSTAR 1988: “David Sellings had to abandon his yacht Hyccup into his life raft as whales started attacking her. The whales sunk the yacht, Sellings got rescued by a ship in position 49°N 029°W.”

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  2. avatar Ghost Rider sagt:

    Das ist eine Anomalie, die Schätzing in seinem Buch “der Schwarm” bereits publizierte…

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