Meinung Mini Transat: Warum diese Regatta so wichtig für den deutschen Segelsport ist

Geschichte geschrieben

Mini transat, Kommentar

… und draußen wartet der große Ozean © breschi

Große Medienresonanz für tolle Leistungen: Diese Mini Transat bringt die Deutschen nach vorne. Was man von den deutschen Teilnehmern mit auf den Weg zum Horizont bekommt. 

Keine Frage, die Mini Transat polarisiert. Für die einen war und ist sie der perfekte Einstieg in die internationale Hochsee-Regattaszene, für die anderen ein deutlich überbewertetes, kostspieliges Abenteuer, nach dem man nur noch eines möchte: So schnell wie möglich sein Boot verkaufen und zu einer Bergsportart wechseln! 

Wie man auch immer zu der Einhand-Transatlantik-Regatta auf den kleinen 6.50-Meter-Glitschern stehen mag, sie nimmt einen vollständig „in Beschlag“ und ändert das Leben – ob in die eine oder andere Richtung. Alte Pfade werden danach jedenfalls nicht wieder betreten. 

Warum ausgerechnet die diesjährige Ausgabe der Mini Transat für den deutschen Hochseesport so wichtig war? Nun, das liegt in erster Linie an den vier Protagonisten, in deren Großsegel ein GER prangte und die mit ihrer Teilnahme deutlich „Lust auf mee(h)r“ unter ihren zahlreichen Fans und höchst interessierten Seglern in Deutschen Landen geweckt haben. Und die mit ihrem Einsatz zeigten, dass verdammt viel erreicht werden kann in diesem Sport. Man muss es nur richtig wollen.

Alle zusammen haben es geschafft, dass in diesem Jahr so viel wie nie zuvor über die legendäre Regatta bei den unterschiedlichsten deutschen Medien berichtet wurde. Ob Online, in der Tages- und Magazin-Presse oder sogar zu besten Sendezeiten beim öffentlich-rechtlichen TV – kann man als Akteur einer Sportart, die es in Deutschland noch nicht einmal in die Top Ten der sportartbezogenen TV-Einschaltquoten schafft, mehr erwarten?

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Jörg Riechers. Der Profi-Segler hat mit seinem genial ersegelten und extrem hart erkämpften zweiten Rang in der innovativen und technisch wegweisenden Prototypenklasse mal wieder eine Tür für Deutschland zum internationalen Hochsee-Extremsport aufgestoßen. Der Mann lieferte mit seinem Vizetitel dem gerade eben erst gegründeten Offshore Team Germany OTG, bei dem er gemeinsam mit Robert Stanjek einer der segelnden Hauptakteure ist, einen Einstieg par excellence. Wann sonst, wenn nicht jetzt müssen die Fäden für zukünftige Sponsorships des OTG geknüpft und festgezurrt werden? Heute muss mit Hilfe der hervorragenden Medienpräsenz eines Jörg Riechers die Basis für einen zweiten deutschen Starter bei der nächsten Vendée Globe gelegt werden. (Neben Boris Herrmann, der übrigens ebenfalls über die Mini Transat in der Szene aufstieg). Riechers ist das personifizierte Beispiel für den Spruch: „Beharrlichkeit zahlt sich letztendlich doch aus!“ 

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Oliver Tessloff. Der 44-jährige Hamburger hat mit seinem hervorragenden Rang 14 in der heiß umkämpften Serienwertung deutlich gemacht, dass man auch als ambitionierter Amateur mit „klassischem“ Jollenwerdegang (Opti, 420er, 15 Jahre im 505er) noch Träume auf Hoher See realisieren kann. Ohne Französischkenntnisse bereitete er sich akribisch über eineinhalb Jahre hinweg in einer Trainingsgruppe in Concarneau (wo er auch in einer Segler-WG lebte) auf den großen Sprung über den Teich vor.

Natürlich muss man sich so eine „Auszeit“ erstmal leisten können, doch zeigt das auch: Wo ein Wille ist, ist meistens ein Weg. Sein vielleicht wichtigster Beitrag zur Zukunft des deutschen Hochseesegelsports ist die Erkenntnis, dass auch bei den sonst so dominanten Franzosen nur mit Wasser gekocht wird. Oliver Tessloff hat jedenfalls sich und allen, die ihn mit einem gewissen „Hintergedanken“ beobachtet haben, gezeigt, dass man mit Talent und „Biss“ bei der Vorbereitung in die Spitze der französischen Serien-Minis gelangen kann. Um dort begeistert aufgenommen zu werden – Französischkenntnisse hin oder her. 

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Andreas Deubel. Der 39-jährige Familienvater ist so etwas wie der Prototyp des „Machers“, der sich was in den Kopf setzt und das erreichen wird (und nein, ich schreibe jetzt nicht: „Auf Deubel komm raus!“). In den zwei Jahren vor dem Start ist er durch seine häufigen Abwesenheitszeiten in seiner Versicherungsagentur gewiss hohe finanzielle Risiken eingegangen und der Deubel’sche Familienfrieden war bestimmt das eine oder andere Mal in Gefahr. Zuletzt, als er ein paar Wochen vor dem Start zur Mini Transat die geniale Urlaubsidee hatte, mit seinen zwei Kindern und Frau einen Törn durch die Ostsee zu machen. Auf seinem 6.50-Meter-Mini, womit sonst? Der Mann speckte 15 Kilogramm vor dem Start ab (und verlor während der Atlantiküberquerung bestimmt nochmals etliche Pfunde), und dabei stand immer das Eine im Vordergrund: ich habe einen Traum, und den kann ich wahr werden lassen!

Sein medialer Schulterschluss mit Chris Lückermann (Finisher der vorletzten Mini Transat), der auf Deubels Facebook-Seite dank seines enormen Erfahrungsschatzes jeden Deubel-Tag auf See fachlich genial kommentierte, zeigte letztendlich, dass man auch im „Kleinen“ großes Interesse wecken kann. Eine Botschaft, die für die Sponsorensuche zukünftiger Transat-Teilnehmer von Interesse sein dürfte.

Andreas Deubels wichtigster Beitrag? Der Hamburger hat gezeigt, dass man trotz nicht unerheblicher Widrigkeiten auf See (u.a. gefilmter Würfelhusten beim Mastgang, Pit-Stopp auf den Kapverden) stolz auf sich selbst und erhobenen Hauptes so ein Abenteuer zu Ende bringen kann. Deubel beweist, dass man mit der Mini Transat über sich selbst hinaus wächst.

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Lina Rixgens. Der erst 24-jährige Kölnerin wird man irgendwann in Zukunft einen besonders großen Anteil am wachsenden Interesse für den Deutschen Hochseesegelsport zusprechen. Denn immerhin ist Rixgens die erste deutsche Frau, die eine Mini Transat geschafft hat (Lassen wir die Wortklaubereien um die Deutsch-Französin/Französin-Deutsche Isabelle Joschke, die hier schon Etappen gewonnen hat und mittlerweile auf IMOCA segelt). Die Europe-Seglerin mit Großsegler-Erfahrung machte mehr als deutlich, dass frau so ziemlich alles mindestens genauso gut machen kann wie die männliche Konkurrenz. 

Die angehende Medizinerin dürfte bei vielen jungen Seglern reichlich Hoffnung wecken. Denn sie zeigte auch, dass frau nicht unbedingt mit dem silbernen Löffel im Mund geboren sein muss, um in so einem Alter überhaupt an den Start gehen zu können. Ja, es gibt Mäzene, die ihr Boot für zwei Jahre zur Verfügung stellen; ja, frau kann sich mit vielen „kleineren“ Sponsorships durchaus sinnbildlich über Wasser halten und nein, es ist keineswegs nötig, das „Leben neben der Mini Transat“ völlig aufzugeben.

Schließlich studierte Lina Rixgens noch bis weit in ihre Mini-Vorbereitungszeit hinein. Die junge Ministin hat jedenfalls allen Unkenrufen zum Trotz den Deutschen gezeigt, dass Hochseesegeln wirklich keine Sportart ist, die nur für das vermeintlich starke Geschlecht gedacht ist. Hervorragend medial betreut (Videos, Facebook, Website) machte sie ihrer “kommunikativen Generation” alle Ehre – auch bei ihr gilt: Gut präsentiert ist schon halb über den Atlantik.

Vielleicht ist das Finish der Mini Transat ja für Lina Rixgens der Beginn von etwas ganz Großem. So wie bei ihren „Vorgängerinnen“ Isabelle Autissier, Ellen MacArthur und Isabelle Joschke. Doch wie auch immer, eines ist sicher: Lina Rixgens hat deutsche Segelgeschichte geschrieben. Nicht mehr und nicht weniger. 

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Michael Kunst

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9 Kommentare zu „Mini Transat: Warum diese Regatta so wichtig für den deutschen Segelsport ist“

  1. avatar Manfred sagt:

    Sehr guter Beitrag. Danke.
    Den Protagonisten, deren Leistung vom Start der Kampagne, bis hin ins Ziel, bemerkenswert und vorbildlich ist, wünsche ich weiterhin viel Erfolg auf ihrem Lebensweg!

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  2. avatar Sven 14Footer sagt:

    Danke, finde ich gut was Du schreibst!
    Eine sehr schöne Wertschätzung dieser tollen Leistungen. Denn alle 4 haben eine tolle Leistung erbracht. Es hat Spaß gemacht mit allen 4 mitzufiebern.

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  3. Miku ich hab Pipi in den Augen…so einen tollen Eindruck von Dir hätte ich gar nicht erwartet und bin so stolz, dass dieser Traum wirklichkeit geworden ist. Du hast in allem völlig Recht und man geht aus dieser Kampagne stark und stolz wie Oskar heraus. Alle 4 deutsche haben ihren Traum erreicht und ich bin so gespannt was das ggf. für einen Schub in Deutschland gibt für kommende Transat Kampagnen.
    PS: mein Boot steht für einen neuen Eigner übrigens zum Verkauf zur Verfügung 😉

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    • avatar Johannes Bahnsen sagt:

      Andi, sag doch nicht sowas. Lisa killt mich, wenn….

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  4. avatar Lyr sagt:

    aber nur an einen “deutschen” für die nächste Mini Transat verkaufen, Herr Deubel! 😉

    JA wirklich toller wertschätzender Artikel der ins Herz eines jeden Seglers trifft ! Respekt an alle !

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  5. avatar Oliver sagt:

    Wirklich tolles Feedback!!! Ein extra Motivationsschub für zukünftige Projekte 😉

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  6. avatar Kerstin sagt:

    Toller Beitrag, der die Leistung der vier “Minis” angemessen würdigt! Mehr davon

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  7. avatar sim sagt:

    Zunächst herzlichen Glückwunsch an alle Teilnehmer, insbesondere an unsere vier deutschen Segler, für diese gigantische Leistung. Man liest leider nicht viel von der MiniTransat. Nach Berichten muss man schon richtig suchen. Leider. Umso schöner, wenn ihr einen solchen Bericht schreibt. Danke.

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  8. avatar breizh sagt:

    Mein Vorschlag für eine noch bessere mediale Berichterstattung über die Minitransat wäre, wenn MiKu dann beim nächsten Mal selber dabei ist. Den Mini gibt es ja schon. Wobei bei MiKu auch der Moitessier Effekt passieren könnte :). Er biegt einfach unterwegs ab. Hat natürlich auch ein starke mediale Wirkung. Also von daher brauchen wir MiKu bei der nächsten Minitransat, um die mediale Aufmerksamkeit zu erhöhen.

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