Mini Transat: Oliver Tessloff über seine ganz persönlichen Highlights und Tiefpunkte

Ohrfeigen von fliegenden Fischen

Mini transat, Tessloff, ziel

War das vielleicht doch alles nicht so einfach? © breschi

Eine Transat ist nicht nur Friede, Freude, Eierkuchen: Tessloff über Speedverluste, Einparken hinter der Insel, vorwitzige Flug-Fische, Wasserverluste, perfekte Speisekarten und den unbedingten Wunsch, sich in zwei Jahren zu verbessern.

Respekt! Der Hamburger IT’ler fuhr immerhin das beste deutsche Ergebnis in der Serienwertung ein, seit Boris Herrmann 2000 Elfter wurde. Und wie war das noch mit der Leistungsdichte, die seitdem immer enger wurde?  Sein Bericht im bewährten Stil: Tessloff erzählt, miku schreibt auf… (siehe auch SR-Artikel Etappe 1 oder Transgascogne)

Speed, der manchmal nachlässt

Meinen ersten Dämpfer während dieser zweiten Etappe erhielt ich, als wir entlang Afrika runter zu den Kapverden segelten: Meine Bootsgeschwindigkeit ließ sehr zu wünschen übrig! Zu diesem Zeitpunkt segelten wir noch dicht beieinander und ich hatte reichlich Vergleiche mit anderen Booten. Es war zum Verzweifeln, ich konnte trimmen was ich wollte, die anderen waren einen halben bis eineinhalb Knoten schneller. Ich untersuchte sorgfältig mein Unterwasserschiff und den Kiel – alles blitzblank sauber. Es kann also nur an den gefürchteten Kapverden-Octopussen liegen, die sich bekanntlich an den Kiel klammern, ihre Tentakel ausfahren, das Boot damit abbremsen und die zur Tarnung die Signalfarbe des Kiels annehmen. 🙂

Routing-Empfehlungen, die auch schon mal etwas daneben liegen

Zwischen den kapverdischen Inseln gab es dann so eine Art Düseneffekt und wir hatten eine ziemlich aufgewühlte See und 25-30 Knoten Windstärke. Wir heizten also da durch und dahinter wartete dann der große, weite Ozean. Geplant war, dass ich direkt nach der Passage „rechts abbiegen“ sollte. Obwohl ich noch dachte, „ist doch komisch, da muss doch eine Abdeckung sein“ fuhr ich dann doch Routing-hörig rechts rum und schlagartig, wirklich von einer Sekunde auf die andere, sank die Windstärke von 25 auf 0 Knoten. 12 irrsinnige Stunden stand ich da rum, sah die anderen auf dem AIS davonziehen und stand und stand und stand… 

Mini transat, Tessloff, ziel

Eigentlich hat Herr Tessloff seine Pogo 3 ziemlich gut im Griff. doch dann gab es speedverluste © breschi

Ich hatte während der ganzen Nacht kein Auge zugemacht, und ausgerechnet als ich dann körperlich und geistig auf dem Tiefpunkt war, kam eine schwarze Linie auf mich zu und wie wieder angeschaltet wehte es erneut mit 25 Knoten. Ich setzte erstmal den Code 5, wollte steuern und schlief dann glatt an der Pinne vor Erschöpfung ein. Das hat nicht nur reichlich Plätze, sondern auch Nerven gekostet. 

Später, viel später, als ich wenige Tage vor dem Ziel nach Norden, von den anderen wegsteuerte – das war so geplant! Ich hatte mir aufgrund der Wetterdurchsagen durchgerechnet, dass es oben besser wehen würde. Dabei bin ich aus den Zwanzigern auf Position 14 gelandet – zufriedenstellend! 

Squalls und was die alles anrichten können

Zwei Tage später wurde es dann mit den berüchtigten Squalls/Böen wieder richtig spannend. Man muss sich das so vorstellen: Du weißt, dass du in einem schwierigen Gebiet unterwegs bist. Es kommt auf jede kleine oder große dunkle Wolke an, die dir im mörderischen Tempo mal eben schnell fünf bis sieben Knoten mehr in die Tücher pustet. Die Windverhältnisse sind dort etwa so wie auf der Bevertalsperre, plus eine kabbelige Welle, die überhaupt nichts mit meinen Vorstellungen von Atlantikdünung zu tun hatte. Also muss man extrem vorsichtig durch das Gebiet segeln, will aber natürlich auch nicht ewig viel Zeit darin verplempern. Zu Beginn der zwei Tage und drei Nächte dauernden „Durchfahrt“ bin ich noch mit großem Spi unterwegs gewesen, später habe ich auf den Medium-Spi gewechselt. Fünf bis sieben Squalls habe ich in 24 Stunden abgekriegt, was irgendwie aber immer abzuwettern war.

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So ein bisschen Sunnyboy ist schon dabei, oder? © breschi

Bis dann die eine, wirklich heftige Böe kam: Sie traf mich unter Medium-Spi und legte mich voll aufs Ohr. Wirklich, es war eine richtige Kenterung, kein In-den-Wind-schießen oder sowas. Ich dachte noch: Mamaaaa, wenn jetzt der Spibaum bricht, dann ist alles zu spät. Aber er hat gehalten, das Boot richtete sich wieder auf und es ging weiter. Muss ich noch erwähnen, dass es hier wieder reichlich Abzüge auf dem Nerven-Konto gab? 

Einsamkeit, die keine war

Ja, es wird viel darüber gesprochen. Über die einsamen Stunden, dieses wochenlange Alleinsein, ohne Kontakt zur Außenwelt. Dass manche davon einen „Knall“ kriegen, kann ich zwar verstehen, aber nicht auf mich übertragen. Für mich war das alles okay so – das einzige was mir fehlte, war die „Competition“. Wie alle anderen auch, fuhr ich ja mehr oder weniger blind in Bezug auf die Konkurrenz. Ich hörte zwar einmal täglich deren Positionen, hatte aber keine Ahnung wo sie derzeit sind. Du kannst dich also nur freuen oder ärgern, warum, wieso und ob die anderen mit einem wohlgesonnenen Wind wieder aufholen können und werden, kann man nur mutmaßen. 

Nein, Einsamkeit war kein Thema für mich, ich genüge mir schon selbst für diesen letztendlich ja doch überschaubaren Zeitraum von 16 Tagen. 

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Auf den letzten Meilen – war’s das jetzt schon? © breschi

Dafür hatte ich jedoch mental reichlich Stress zu verarbeiten. Vor allem zu Beginn mit meinem Speedproblem oder beim Einparken nach den Kapverden fragte ich mich mehr als einmal: „Was mache ich hier?“ 

Was die tierische Begleitung anbelangt, war diesmal eher wenig los. Einmal tauchte ein kleiner Wal direkt neben mir auf, ein paar Vögel waren zu sehen, wobei ich mich bis heute frage, was die da mitten auf dem Atlantik suchen und nachts flogen mir regelmäßig fliegende Fische ins Gesicht. Das ist vielleicht ein Gefühl, wenn du im Stockdunkeln plötzlich klatschnass abgewatscht wirst! 

Verdammt nasse Sternennächte

Klar, alle Atlantikfahrer schwärmen von diesem irren Sternenhimmel, der sich fernab jeglicher Lichtquellen über dir ausbreitet. Man legt sich auf den Rücken, das Boot wiegt dich sanft, die Luft ist warm und über dir die Lichterkuppel. Nur – macht das mal auf einem Mini! Immer Volldampf, immer unter Spi, da steht und sitzt man permanent im Wasser. Es gibt keinen trockenen Fleck mehr, ob an Deck, nach ein paar Tagen auch nicht mehr im Inneren der Pogo und schon gar nicht am Körper. Da es so warm ist, zieht man irgendwann das Ölzeug auf die nackte Haut und nach ein paar Tagen beginnt das große Jucken und Kratzen. Kann das romantisch sein?

Wasser, das auf dem Wasser verschwindet

Wenn lange Strecken unter Spi anstehen, ist es Pflichtprogramm für alle Ministen, so viel Gewicht wie möglich nach hinten zu verlagern. Entsprechend verzurrte ich auch meine Süßwasserkanister hinten. Irgendwann, mitten auf dem Ozean, blicke ich mich um und überlege“ etwas stimmt nicht mehr, ist anders“. Es dauerte ein paar Minuten, bis mir auffiel, dass Kanister mit 30 Litern Frischwasser fehlten.

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Von wegen mal eben locker ein paar Stündchen im T-Shirt Rudergehen – der Atlantik ist nass. Vor allem auf einer Pogo 3 © breschi

Einfach weg… Gleich begann die große Rechnerei: Sind die verbleibenden vierzig Liter ausreichend? Wenn alles glatt läuft, knapp, aber machbar. Und bei einer Havarie mit anschließend mehr Tagen als errechnet auf dem Wasser? Also rigoros einschränken, kein süßen Körperwäschen mehr. Wird die Wassertrinkerei nicht sowieso überschätzt?

Genuss aus der Kiste

Meine Proviantpakete waren die schmackhaftesten, tollsten und überhaupt die besten von allen! Keine Übertreibung: ich hatte jeden Tag was anderes zu essen, die gefriergetrockneten Menüs haben mir richtig gut geschmeckt und es gab immer kleine Überraschungen im Spoeiseplan. Bis zum letzten Tag hatte ich sogar frische Orangen von den Kanaren auf der Menükarte – mal ehrlich: kann ein Segler mehr erwarten? 

Ankommen und weiterwollen 

Kurz bevor ich wieder Sicht auf Land hatte, dachte ich mir noch: Jau, das war’s wohl. Aber eigentlich könnte es jetzt nochmal gleich losgehen. Das waren die Stunden, in denen mir klar wurde, dass ich jetzt richtig „drin“ bin in meinem Abenteuer. Ich hatte mich an alles gewöhnt, alles flutschte… es hätte, ehrlich gesagt, noch so weitergehen können. Und als ich am Steg ankam, als mir gleich drei TV-Kameras ins Gesicht gehalten wurden, da dauerte es erstmal eine ganze Weile bis ich realisierte, was ich hier eigentlich geschafft habe: Rang 14 bei meiner ersten Mini Transat. 

Und apropos „erste“: so richtig zufrieden bin ich mit meiner Performance nicht. Es gibt eine Menge, was durchaus verbesserungswürdig wäre – vielleicht bei der Mini Transat 2019?

Mini transat

Muss Tessloffs Pogo 3 nochmal ran? © breschi

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Michael Kunst

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2 Kommentare zu „Mini Transat: Oliver Tessloff über seine ganz persönlichen Highlights und Tiefpunkte“

  1. avatar breizh sagt:

    Gratulation zu der hervorragenden Platzierung.
    Schön zu hören, dass hier jemand vom Mini-Fieber gepackt wurde und schon an eine Wiederholung der Minitransat denkt. Noch eine schöne Zeit auf Martinique.

    Super Beitrag, mehr davon! Like or Dislike: Daumen hoch 7 Daumen runter 0

  2. avatar Yachti sagt:

    Glückwunsch, aber welcher “Experte” hat dem Oliver bloss geraten in den Windschatten von Santo Antao zu segeln.
    Unklar ist auch, warum er nicht sofort wieder aus der Flautenzone heraushalste.

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