Nacra 17: Medalrace gestrichen wegen brechender Tragflächen – Rückruf nach Kenterstürzen

Panne bei den neuen Foilern

Der Katamaran-Hersteller Nacra ist unter großen Druck geraten, nachdem bei der Umrüstung des olympischen 17-Fuß-Multihulls zum Foiler zahlreiche Schwerter gebrochen sind. Beim WM-Test-Event in Aarhus wurde das Medalrace abgesagt, weil die aktuelle Situation für die Segler als zu gefährlich eingeschätzt wurde.

Nacra

Anders als America’s Cupper befinden sich die Nacra17 an vier Punkten statt dreien im Wasser. Die Schwerter werden nicht bewegt. © Nacra class

Der Weltsegler-Verband World Sailing war am Freitag von der niederländischen Nacra-Werft in den Haag benachrichtigt worden, dass die neu konfigurierten Nacra 17s Foiler inklusive der nachträglich zu Foilern umgebauten Boote zurückgerufen werden müssen. Die Tragflächen-Halterung in den Schwertkästen müsse ausgetauscht werden. 

Zuvor hatte ein schwedisches Team beim Training einen Bruch in voller Fahrt erlebt. Dann knickten auch noch während der Regatta bei zwei weiteren Teams die Schwerter direkt unter dem Rumpf ab. Bei starkem Wind führte das zu gefährlichen Kenterstürzen.

Nacra

Die neue Kofiguration des Nacra 17. Foiling auf zwei Schwertern. © Nacra class

Die Rückruf-Aktion wurde gestartet, als es den Nacra-Technikern gelang, die Schäden auf der Werft zu reproduzieren. Sie bestätigten: Die seitliche Auflagefläche des Foils im Schwertkasten sei nicht ausreichend dimensioniert. Bei extremen Lastspitzen könne es zum Bruch kommen. 

Der Rückruf betrifft 35 neue Nacra 17 Foiler und 12 umgerüstete Boote. Das Ersatzteil ist inzwischen von den Designern der Firma Morrelli & Melvin konstruiert worden und ein Prototyp wird getestet.

Im Erfolgsfall soll die Produktion am Mittwoch beginnen. Nacra kann 15 Sets am Tag herstellen. Damit wäre es noch möglich, die erste WM in drei Wochen segeln zu lassen. Aber die Zeit drängt, und es wird noch diskutiert, ob die Regatta abgesagt werden soll. 35 Teams sind gemeldet.

Nacra

Die existierende Foil-Durchführung im Nacra17, die Probleme bereitet. © Nacra class

Nacra

So soll die neue Hülse aussehen. © Nacra class

Ein ganz normaler Prozess bei einer neuen Klasse, könnte man meinen. Schließlich gibt es noch keine olympischen Foiler, die von ihren Crews auf diesem höchsten Niveau bis zum Anschlag gepuscht werden. Aber die Probleme wiederholen sich.

Genervte Segler

Nachdem vor vier Jahren die erste Mixed-Multihull Disziplin beschlossen worden war und Nacra den Zuschlag erhalten hatte, einheitliches Material zur Verfügung zu stellen, gab es zahlreiche Vorfälle mit den Riggs, Rümpfen und Schwertern. Es dauerte seine Zeit, bis die Werft die Probleme einigermaßen im Griff hatte. Einige Teams stiegen genervt aus.

Es wurde kritisiert, dass die Werft auf Kosten der Segler ein nicht zuende gedachtes Design optimiert. Zuvor war offenbar nicht genug Zeit und Geld in die Entwicklung geflossen. Nach der Entscheidung für Nacra als Onedesign-Hersteller konnte die nötige Qualität nicht sichergestellt werden.

Die olympischen Spiele in Rio waren dennoch ein Erfolg. Die Nacra17-Klasse zeigte viele spektakuläre Bilder und das sorgte für das spannendste Finale in Brasilien mit dem Sieg des argentinischen Duos, aber nun scheint die Leidensgeschichte erneut zu beginnen.

System der Abhängigkeit

Der Umbau zum echten Foiler war sicher logisch und richtig, um die zurzeit spannendste Fassette des Segelsports abzubilden. Aber offenbar ist das System der Abhängigkeit von nur einem Hersteller in diesem Fall wenig hilfreich.

Das Onedesign-Prinzip funktioniert seit Jahren im Laser, bei den RS:X Surfern und inzwischen auch einigermaßen im vergleichsweise komplizierteren 49er. Aber auch die 470er- und Finn Dinghy-Klasse lebt gut mit der Box Rule. Der Konkurrenzdruck verschiedener Hersteller sorgt für hohe Qualität.

Bei den Nacras gab es dagegen schon vor dem Bruch der Schwerter wieder Mängel, die einen Austausch aller ausgelieferten 180 Tragflächen erforderlich machten. Kleine durch den Produktionsprozess entstandenen Löcher führen zu Feuchtigkeit im Laminat. Und die verwendete Farbe ist von schlechter Qualität. Sie verblasste und schützte nicht ausreichend vor  Kratzern.

Umrüstung wenig erfolgreich

Außerdem scheint die Umrüstung der älteren Nacra 17 nicht wie avisiert zu funktionieren. Es besteht der Verdacht, dass die umgebauten Kats im Vergleich zu den Neubauten nicht konkurrenzfähig sind. So segelte das deutsche Team Erichsen/Wedemeyer bei der EM in Kiel mit wenigen Ausnahmen chancenlos hinterher.

Der Bruch der Schwerter und die Absage des Medalraces ist nun eine nächste Stufe in der Pannenserie. Eine solch drastische Maßnahme war sicher nötig, um die Segler zu schützen. Wer mit 25 Knoten Speed um die Luvtonne jagt und dann die Kontrolle verliert, weil eine Tragfläche bricht, kann schwerste Verletzungen erleiden.

Immerhin ist die Informationspolitik der Klasse deutlich transparenter geworden, als im vergangenen Olympia-Zyklus, seitdem 49er-Klassenboss Ben Remocker sie mit übernommen hat. Und es besteht die Hoffnung, dass sich die zurzeit spektakulärste Olympia-Disziplin im Segeln rechtzeitig in geregelte Bahnen begibt, bevor es zu größeren Unfällen kommt. Die Segler dürfen nicht wie gehabt als Crash-Test-Dummies missbraucht werden.

 

 

avatar

Carsten Kemmling

Der Mann von der vordersten Front. Mehr zu ihm findest Du hier.
Spenden
http://nouveda.com

Ein Kommentar „Nacra 17: Medalrace gestrichen wegen brechender Tragflächen – Rückruf nach Kenterstürzen“

  1. avatar jorgo sagt:

    Das die Lasten aussergewöhnlich sind war zu erwarten. Bei diesen leichten Booten mit dieser unglaublichen Dynamik, gepusht “to the Limit” von ergebnisorientierten Seglern muss es schon ein ingenieurs- und bootsbauerisches Meisterwerk sein um auf Dauer Stand zu halten.Optimierung funktioniert sicher nur durch “Trial und Error”, denn welcher Computer kann exakt die Lasten vorhersagen, wenn der Kat mit 25 Knoten Speed im Doppeltrapez bei Welle 60 Grad anluvt, z.B. bei einem Ausweichmanöver oder einer Tonnenrundung.
    Es bleibt allen Beteiligten zu wünschen, dass zeitgerecht eine Lösung gefunden werden kann. Der Zeitplan der Einführung eines “One-Design” zu dieser neuen Art zu segeln ist ohnehin sehr ambitioniert…

    Super Beitrag, mehr davon! Like or Dislike: Daumen hoch 7 Daumen runter 0

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Sicherheitsfrage (SPAM-Schutz): *