Porträt: Sebastien Josse, etwas „anderer“ Favorit der Vendée Globe

Der schnelle Stille

Schönes Kurzporträt des Seglers Josse – auch in Französisch gut verständlich

Hauptsache einhand – für Sebastien Josse die Voraussetzung für ein glückliches und erfülltes Seglerdasein. Porträt eines Mannes, der ganz anders ist als seine Konkurrenten.

Es ist zwar schon über zwei Wochen her, aber versetzen wir uns nochmals in die quirlige und aufgeregte Atmosphäre des „Village Vendée Globe“, das wochenlang vor dem Start zur Einhand-Nonstop-Weltumrundung sozusagen der Nabel der Segelwelt war. Während der letzten Tage vor dem Ablegen geben alle Skipper nochmals der nun vollständig versammelten Presse letzte Interviews.

Verpackt in ein smartes „Frühstück bei Hugo Boss“ unterhält und „entertaint“ Alex Thomson eloquent die versammelten Journalisten, taucht tief in die technischen Probleme seiner Foils ein, gibt mehrsprachige Antworten und geht auf jede noch so an den Haaren herbei gezogene Frage ein. Thomson macht deutlich, dass er sich hier mindestens genauso in seinem Element fühlt, wie draußen auf dem Ozean.

Nach den Boss’schen Croissants geht’s keine zehn Meter weiter ins nächste Pressezelt. Vor aufwändig produzierten Filmen mit der IMOCA „Baron de Rothschild“, die im Hintergrund in der Endlosschleife laufen, ist ein simpler Barhocker mitten in den Raum gestellt. Als sich die geschätzt einhundert Journalisten platziert haben, taucht aus dem Hintergrund ein eher mittelgroßer Mann mit lockigem Haar und ausgesprochen sportlich definiertem Körper auf, dem man auf den ersten Blick ansieht, dass er durch und durch fit ist. Und dass er keine Lust auf diesen Zirkus hier hat. Er dreht sich nochmals zu seinem Team, das in den Kulissen wartet, um und verdreht die Augen, macht Handzeichen die auf „Keinen Bock“ schließen lassen.
Folgt eine halbstündige Pressekonferenz, die das genaue Gegenteil von dem ist, was der Brite Thomson kurz zuvor noch geboten hat: Einsilbig, mürrisch… und doch irgendwie nicht weniger sympathisch.

Vendee Globe, Sebastien Josse, Baron de Rothschild, gitana

Vom Preparateur zum Hoffnungsträger des Baron de Rothschild: Sebastien Josse © vendée globe

“Beim Segeln ist er genau so!”

Sebastien Josse, erster Skipper im Gitana Rennstall „Baron de Rothschild“ und heißer Aspirant auf einen Sieg bei der laufenden Vendée Globe, will das alles so schnell wie möglich hinter sich bringen. Er schafft es tatsächlich auf drei oder vier Fragen jeweils mit einem Ja oder einem Nein zu antworten; manchmal antwortet er vielsagend in Halbsätzen wie „wird schon klappen“ oder macht deutlich, dass ihm dieses ganze Gedöns um die Foils reichlich auf die Nerven geht. Als die Journalisten dennoch insistieren, nimmt Josse die Gelegenheit wahr und übergibt das Mikrofon sichtlich erleichtert an seinen technischen Direktor. Und… verabschiedet sich.

„Beim Segeln ist er genau so,“ sagen abends beim Bier einige Preparateurs, die Sebastien Josse schon länger kennen. „Unberechenbar, und dennoch immer auf einer geraden Linie. Schwierig einzuschätzen, vor allem aber: Einsilbig und verschlossen. Außerdem sei er segelfanatisch, nicht mehr und nicht weniger. „Der hört auf sein Schiff, horcht in es hinein, kann jedes Geräusch vom anderen unterscheiden und weiß wie kein anderer, wie man die Dinger, auf denen er gerade segelt, schneller machen kann!“

Was wiederum genau der Grund ist, warum ihn viele der segelbegeisterten Bretonen so mögen. Denn dass der mondäne und finanzgepolsterte Gitana-Rennstall ausgerechnet einen Wortkargen und Knorrigen, also einen der „Ihren“ als 1. Skipper im Team ernannt hat und ihm millionenschweres Vertrauen schenkt, das wird dem „Baron“ hoch angerechnet.

Wobei allerdings die Herkunft von Sebastien Josse überhaupt nicht in das Bild passt. Denn der so bretonisch wirkende Segler kommt eigentlich aus Nizza und hat im Laufe seiner Kindheit und Jugend mehr Zeit in den Alpen als an irgendwelchen Küsten verbracht…

Vendee Globe, Sebastien Josse, Baron de Rothschild, gitana

Die Baron de Rothschild – ohne Worte © Th. Martinez/Gitana

Atlantikwind im Apfelbaum

Dennoch einer der Ihren? „Mittlerweile, vielleicht“ hat der 41-Jährige einmal der lokalen Zeitung „Le Telegramm“ geantwortet. „Wenn ich draußen in meinem Haus auf dem Lande bin, wenn alles auf ein Minimum reduziert scheint, kaum noch etwas von außen eindringt, den Blick auf einen verwilderten Garten und der Atlantikwind pfeift in den Apfelbäumen, dann fühle ich mich schon wie ein Bretone. Oder ein halber!“

Angesichts solcher Sprüche sagen viele alte Segler aus der Szene, er sei wie Eric Tabarly. Der habe auch nie was an sich herangelassen, wenn er an Land war. Sei verschlossen bis mürrisch gewesen und habe jeden Tag in aller Ruhe Unmengen Holz für seine drei Kamine im Haus gehackt.

„Tabarly und verschlossen?“ fragt dann Josse gerne. „Den habe ich mal als Jungsegler in der Karibik erlebt, da hat er mittags schon Unmengen gefuttert, nicht gerade ins Glas gespuckt und hat später den Tag lauthals grölend und tanzend ausklingen lassen. Das sah überhaupt nicht verschlossen aus!“

Dennoch, der Vergleich mit der Segellegende haftet schon ein wenig an ihm. Vielleicht liegt es an seiner ebenfalls sehr direkten Art. Dieses „frei heraus sagen, was Sache ist“. Wie etwa bei einem Interview mit der (linken) Tageszeitung Libération. Damals machte Josse deutlich, dass er sich als „Grüner“ fühle, aber rechts wähle. Wie weit rechts, wollte er nicht sagen. Aber eben rechts. „Wie die meisten Selbständigen hier in Frankreich.“

Vendee Globe, Sebastien Josse, Baron de Rothschild, gitana

Kurz vor der Erstwasserung seines in Lorient gebauten IMOCA © gitana

Wie Eric Tabarly?

Blickt man auf Josses seglerischen Werdegang, sagt ebenfalls ein Vergleich zu den etwas jüngeren Stars der französischen Hochseeszene viel aus. Sind Francois Gabart & Co vom Optimisten über verschiedene Jollen und Katamarane mit Abitur und Studium zum Hochseezirkus gelangt, hat Josse als eher mittelmäßiger Schüler schon früh angefangen, in Monaco und Nizza an Booten rumzubasteln. Dort gab es gutes Geld für „technisch einfache Arbeiten“ (wie der begnadete Techniker heute sagt).Ganz nebenbei entdeckte Sebastien auch das, wofür sein Herz fortan schlug: Segeln auf dem Meer.

Er heuerte schon im Teeny-Alter als „Preparateur“ auf großen Monaco-Yachten an und irgendwann stellte man fest, dass der ruhige Typ mit dem „sympathischen Lächeln und den klaren Augen“ (Florence Arthaud) auch segeln konnte. Womit die Weichen im Leben des Sebastien Josse unwiderruflich gestellt waren.

Mit 18 Jahren segelte Josse gemeinsam mit seinem Vater auf dem Familienschiff über den Atlantik. Er gönnt sich ein Sabbatical-Jahr zwischen den Antillen, in dem er fast ausschließlich einhand segelt. Zurück in Frankreich ist klar: Sebastien Josse will vom Segeln leben.

Früh die Weichen gestellt

1997 gewinnt er den Credit Agricole-Hoffnungs-Wettbewerb und wird für zwei Saison im Figaro-Zirkus finanziell gesponsert. Saison 1998 beendet er als bester Einsteiger in der Klasse, was wiederum Bruno Peyron auf ihn aufmerksam machte. Der suchte damals Typen, „die’s wirklich drauf haben“ für seinen Jules-Verne-Trophy-Rekordversuch auf dem Maxi-Katamaran „Orange“.

Auf 64 Tage drückten Josse und seine Kameraden den Einmal-um-die-Welt-Rekord – „das gab mir unglaubliches Selbstvertrauen“ sagt Josse dazu heute. Also schaffte er es als 29-Jähriger bei der Vendée Globe 2004/2005 am Start zu stehen. Die er prompt als Fünfter nach 93 Tagen und „einer endlosen Reihe technischer Probleme, die ich alle alleine lösen musste“ beendete.

Vendee Globe, Sebastien Josse, Baron de Rothschild, gitana

Bestimmt der schänste Vogel der gesamte IMOCA-Flotte: Die Baron de Rothschild © gitana, Martinez

Folgte die nächste Stufe zum Seglerhimmel. Eine Etappe, die ihm noch bis heute schmerzt. Josse wird Skipper auf der ABN Amro 2 beim Volvo Ocean Race 2005/2006. Mitten auf dem Ozean verliert er ein Crewmitglied, den Über-Bord-Gegangenen können sie trotz verzweifelter Suche im hohen Seegang nicht wiederfinden. Josse kam über diesen Schicksalsschlag nur schwer hinweg, wollte alles aufgeben… bis er kurz darauf ein Mayday über Funk vernahm. Das Konkurrenzboot „Movistar“ drohte zu sinken und Josse übernahm in einer dramatisch schweren See mit vielen Schwierigkeiten die Crew auf seine ABN.

Im Hintergrund zog er die Fäden

Dann die nächste Vendée Globe 2008, bei der Josse als Favorit antrat. Doch nach 48 Tagen muss er aufgrund technischer Probleme das Rennen aufgeben – „meine größte Enttäuschung“.

Schließlich gab es einige Monate, in denen von dem Wahl-Bretonen nichts zu sehen und zu hören war. Zurückgezogen überdachte er seine Ambitionen… und zog gleichzeitig Fäden im Hintergrund. So tauchte Sebastien Josse dort wieder auf, wo ihn keiner je vermutet hätte: Als Skipper des Trimarans Gitana 11 und später auf der MOD70 Baron de Rothschild. Das „Gitana Team“ hatte ihn als ersten Skipper engagiert und dürfte das bis heute nicht bereut haben.

Vendee Globe, Sebastien Josse, Baron de Rothschild, gitana

Sebastien Josse © vendée Globe

„Für uns ist Sebastien Josse der ideale Mann an der Pinne – ganz egal ob auf Mono- oder auf Mehrrumpfern. Und da wir konsequent die Linie verfolgen, immer nur ein Hauptprojekt zu fördern, wir aber unbedingt von den Erfahrungen der vorhergehenden Projekte profitieren wollen und müssen, sind Alleskönner wie Josse für uns die einzig mögliche Wahl,“ sagte in erwähnter Vendée-Globe-Pressekonferenz der Leiter des Gitana Projektes.

Er verwies damit auf den nächsten Job von Sebastien Josse, den er unmittelbar nach Rückkehr von den Sieben Vendée Globe-Meeren antreten wird – übrigens unabhängig von seiner Platzierung: die Ultim-Regatta 2019 nonstop und einhand rund um die Welt. Für die derzeit ein nagelneuer, geschätzte 5,5 Millionen Euro teurer Ultim-Trimaran gebaut wird.

Ob ihm angesichts solcher Monster-Projekte nicht manchmal etwas mulmig sei, wird Josse noch gefragt. Er antwortet kurz und klar: „Solange ich auf solchen fantastischen Rennmaschinen segeln darf, bin ich glücklich!“ Sagt’s, blickt in die Runde und setzt hinzu: „Hauptsache einhand!“

avatar

Michael Kunst

Näheres zu miku findest Du hier
Spenden
http://blueocean.berlin/magicmarine-team-werden/

Ein Kommentar „Porträt: Sebastien Josse, etwas „anderer“ Favorit der Vendée Globe“

  1. avatar adeeule sagt:

    RESPECT!

    Super Beitrag, mehr davon! Like or Dislike: Daumen hoch 4 Daumen runter 0

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Sicherheitsfrage (SPAM-Schutz): *