Porträt: Vincent Riou, heimlicher Star der Vendée Globe auch ohne Tragflächen

"Foils machen keinen Sinn"

Vendee Globe, Porträt Vincent Riou

Der Mann hat Biss und zeigt dennoch Gelassenheit – eine seltene Mischung beim Segelsport © Eloi Stichelbaut / PRB

Er ist der einzige diesjährige Teilnehmer, der die Vendée Globe schon mal gewonnen hat. Und der von sich behaupten darf, dass die VG ein Schicksalsrennen für ihn ist. Porträt eines sympathischen Könners.

Manchmal sagen Pressekonferenzen doch ziemlich viel über ihre Protagonisten aus. Ortstermin „Les Sables d’Olonnes“, ein Tag vor dem Start zur Vendée Globe. Die großen Stars dieser Einhand-Regatta rund um die Welt haben sich längst alle Interviews und Pressekonferenzen verbeten, nur die Underdogs und Abenteurer sind noch zu Interviews und Fototerminen bereit. Und solche, die dem ganzen Touhouwabou nur wenig Gewicht beimessen, die einfach ihren Job machen… und den bitteschön in ihrem ureigenen Rhythmus.

Jedenfalls hat Vincent Riou zum x-ten mal im Laufe der letzten Tage die Leinen zu seiner orangefarbenen IMOCA PRB hinunter gelassen, um einige Journalisten an Bord zu bitten, die sich entweder vorher angemeldet hatten oder die zufällig gerade vorbei laufen.

Alles wirkt (und ist) improvisiert: kein Gedöns mit „Einzug der Gladiatoren“ und den obligatorischen Standing Ovations seitens der Journalisten, keine PR-Managerin, die den Journalisten das Mikrofon für ihre Fragen zuteilt. Dafür persönlicher Empfang durch den Skipper mit Handschlag, kurze Erkundigung, ob man der französischen Sprache mächtig sei, sonst würde in Englisch gesprochen und ob man etwas trinken möchte, es gebe aber nur Wasser…

Da sitzt also dieser Vincent Riou im Cockpit seiner „PRB“ und erzählt mit einer Ruhe und Gelassenheit von eigentlich unwägbaren Dingen, die höchstwahrscheinlich während der nächsten Monate auf ihn zukommen werden und von den Chancen, als noch überzeugter Nicht-Foiler die aktuellen Foiler zu schlagen. Er kritisiert ein wenig die neuen Regeln im Southern Ocean, setzt geschickt sein Lieblingsthema „Wetter und seine Analysen“ in Szene und erzählt unterm Strich mehr von seinen segelnden Freunden und Kumpeln, als über sich selbst.

Und irgendwann erwischt man sich als Zuhörer dabei, dass man von dieser „Zen-Attitüde“ des Erzählers regelrecht angesteckt wird. Längst sind Papier und Stift zur Seite gelegt, und es wird nur noch zugehört. Die Worte plätschern im Rhythmus der kleinen Hafenwellen, die gegen die Bordwand gurgeln. Langsam entsteht so das Bild eine Ausnahmeseglers, der unter all’ diesen Superhelden der Vendée Globe seine ganz spezielle Rolle einnimmt.

Vendee Globe, Porträt Vincent Riou

auch wenn man es vermuten könnte: PRB ist ohne Foils unterwegs © liot VG

Bretonischer Alleskönner

In der Französischen Segelszene wird Vincent Riou mittlerweile etwas kompliziert „das bretonische Schweizer Messer“ genannt. Er sei eben einer dieser Typen, die alles , aber auch wirklich alles können – wobei übrigens Segelqualitäten nur eine nebensächliche Rolle einnehmen. Vielmehr liegt Vincent Rious hervorragende Reputation als Hochseesegler vor allem darin begründet, dass er sich von ganz unten nach ganz oben geackert hat. Und zwar bei keinem Geringeren als dem „Professor Desjoyeaux“ und immer in irgendeiner Verbindung zur Vendée Globe.

Doch bleiben wir schön in der Reihenfolge. Seine erste Vendée Globe erlebte Vincent Riou im Jahre 2000 … an Land! Er war damals „Preparateur“ des Favoriten Desjoyeaux und schon seit Jahren ein Freund der Familie. In monatelangen Vorbereitungsarbeiten empfahl sich Riou als gewissenhafter, akribischer und vor allem höchst talentierter Techniker. Als Segler hatte er sich sowieso schon bewiesen: Siege im Figaro-Zirkus, bei den Ministen, auf der First Class 8, bei der Tour de France a la Voile, als Laser–Segler und Matchracer machten den Bretonen zu einem der heißesten Anwärter für eine IMOCA-Kampagne.

Was wiederum auch Michel Desjoyeaux genau so sah. Nach seinem Vendée Globe-Sieg im Jahre 2000 wurde der nicht müde, immer wieder von der enormen Hilfe zu berichten, die er (auch als Berater unterwegs) durch Vincent Riou erfahren hatte. Das gipfelte schließlich darin, dass Desjoyeaux ihn bei PRB als seinen Nachfolger empfahl.

Der bereits seit den Achtzigerjahren in der Segelszene aktive Sponsor aus der Baubranche akzeptierte prompt den Vorschlag des Professors, so dass es bei der nächsten Vendée Globe-Ausgabe zu einer vielbeachteten neuen Konstellation auf PRB kam. Diesmal machte Michel Desjoyeaux den Preparateur und Berater und Vincent Riou siegte spektakulär bei seiner ersten Vendée-Globe-Teilnahme als Skipper.

Spektakulär, weil er der erste VG-Sieger war, der bei Kap Hoorn noch auf Rang Zwei lag. Und zwar hinter Jean le Cam, den er während des Endspurts durch den Atlantik knallhart attackierte und letztendlich in einer Art „Wendenduell auf Hochsee“ auch prompt schlug. „Vincent der Schreckliche“ titulierte ihn damals der frustrierte Le Cam. Nicht ahnend, dass die beiden vom Schicksal „füreinander bestimmt“ waren.

Vendee Globe, Porträt Vincent Riou

Bloß kein Gedöns – am Outrigger rumturnen, muss reichen! © Eloi Stichelbaut / PRB

“Alles andere ist unwichtig”

Denn Riou sollte auch bei der darauf folgenden Vendée Globe wieder eine Schlüsselrolle spielen. Bei der Ausgabe 2008 lag Riou auf Rang Drei, als ihn querab Chile der Notruf von Jean le Cam erreichte, dessen IMOCA gekentert war. Außerhalb jeglicher Hubschrauber-Reichweite hoffte Le Cam auf Rettung durch die Konkurrenten – und die erhielt er „glücklicherweise, weil es kein anderer so gut hingekriegt hätte!“ (le Cam) von seinem größten Widersacher.

Riou drehte um, fand die gekenterte IMOCA und rettete im hohen Seegang mit halsbrecherischen Manövern seinen Kollegen. Dabei beschädigte er seinen Outrigger, wodurch wiederum kurze Zeit später auf der PRB der Mast brach und auch für Vincent Riou diese Vendée Globe zu Ende war. Doch Riou winkte nur ab: „Ich habe Jean gerettet, alles andere ist unwichtig!“ Die Regattaleitung verlieh ihm später einen Rang Drei ehrenhalber – genau die Position, auf der er vor seiner Rettungsaktion gelegen hatte.

Dass bei Charakteren wie le Cam und Riou unterm Strich nach dieser Aktion eine tiefe Freundschaft herausspringen würde, muss an dieser Stelle nicht gesondert erwähnt werden. Nur so weit: 2013 gönnten sich die beiden eine gemeinsame Transat Jacques Vabre, die sie prompt gewannen.

Nur mit Gelassenheit

2012 war Riou wieder am Start der Vendée Globe. Weiterhin auf PRB, weiter mit voller Unterstützung von einem der spendabelsten Sponsoren im Hochseezirkus. Doch erneut spielte ihm das VG-Schicksal einen üblen Streich: Mitten im Atlantik rammte er eine treibende Boje, die sich irgendwo in Brasilien bei einem Sturm losgerissen hatte. Die Schäden am Rumpf waren auf See irreparabel, so dass Riou erneut eine Vendée Globe abbrechen musste.

Vendee Globe, Porträt Vincent Riou

Es gibt viel zu tun, packen wir es an! © Eloi Stichelbaut / PRB

Geht so einer nun mit gemischten Gefühlen an den Start der nächsten Weltumseglung? „Überhaupt nicht,“ sagt er lächelnd im Gespräch. „Die Vendée Globe ist zwar irgendwie eine Schicksalsregatta für mich, weshalb ich einen Grund mehr sehe, besonders entspannt an sie heran zu gehen. Denn etwas habe ich auf See gelernt: Wer schnell durchdreht oder sich ins Bockshorn jagen lässt, dem ist das Meer nicht hold. Nur mit Gelassenheit kommt man bei der Vendée Globe richtig weit. Und ich will wieder richtig weit kommen, sprich: gewinnen! Nicht zuletzt, weil ich dann wirklich auf einem Niveau mit meinem Freund Desjoyeaux stehen werde. Der ist der bisher einzige, der die VG zwei Mal gewinnen konnte!“

Doch gerade diese Sieg-Möglichkeit sprechen ihm diesmal die meisten „Kenner“ in der Szene ab. Nicht, weil er seglerisch Favoriten wie Le Cleac’h oder Sebastien Josse unterlegen wäre. Sondern eher, weil Vincent Riou sich als einziger unter den Favoriten bewusst gegen einen Umbau seiner „PRB“ zum Foiler entschieden hat.

Obwohl genau der Umstand, dass einer der versiertesten Techniker und akribischsten Analysten sich noch gegen Foiler entscheidet, einigen Konkurrenten zu denken gegeben hat. „Auch ich glaube, dass die Zukunft der Hochseesegelei auf Foils stattfinden wird. Nur eben wahrscheinlich nicht auf den Foils, die uns derzeit zur Verfügung stehen,“ stellt Riou klar. „Schon allein die Tatsache, dass unter allen Foiler-IMOCA derzeit nur zwei mit dem gleichen Foil-System unterwegs sind, sagt doch schon alles aus. Die Foil-Generation ist noch in der Testphase. Und als Testterrain eignet sich die härtste Regatta der Welt nun wirklich nicht!“

Vendee Globe, Porträt Vincent Riou

Möglichst immer mit Umsicht © Eloi Stichelbaut / PRB

Foils sind noch nicht ausgereift!

Wohlgemerkt, Gelder wären vorhanden gewesen, um den Umbau der „PRB“ (Baujahr 2006) etwa im Stile der „Maitre Coq“ vorzunehmen. „Wir waren ja nicht untätig,“ erklärt Riou weiter. „Wir haben unzählige Varianten auf dem Computer durchgespielt, sind wirklich in die Details eingestiegen und kamen schließlich zu dem Schluss, dass Foils auf dieser „PRB“ keinen Sinn machen. Außerdem kam meine persönliche Meinung als Techniker hinzu, dass die derzeitigen Foils auf den IMOCA noch nicht ausgereift sind!“

Dass der 44-Jährige mit dieser Überzeugung nicht ganz daneben liegt, beweist er derzeit wenige Tage nach dem Start deutlich: er kann bei den angeblich so bevorteilten Foiler-IMOCA sehr gut mithalten – auch dann, wenn die auf ihren „Sahne“-Kursen mit raumen Winden unterwegs sind. So liegt Vincent nach vier Tagen und 20 Stunden Segelzeit nur drei Seemeilen hinter Armel le Cleac’h auf Banque Populaire. Der eigentlich zu diesem Zeitpunkt dem Feld schon weit voraus geeilt sein wollte…

Für Vincent Riou sind derartige „Spielchen“ bei der ersten Atlantik-Durchquerung dieser Weltumseglung allerdings nur Vorgeplänkel. Als Vendée Globe-Sieger und VG-Veteran, der ja schon zum fünften Mal dabei ist, wies er immer wieder darauf hin, dass die Karten im Southern Ocean neu gemischt werden. „Natürlich darf ich da nicht mit einem Rückstand von ein paar Hundert Seemeilen ankommen. Aber in den engen Eisberg-Korridoren wird diese Vendée Globe diesmal entschieden. Da in ich mir sicher!“

Vendee Globe, Porträt Vincent Riou

Von wegen harmlos! © VG

Früher war mehr Platz

Riou rekapituliert, dass er und seine VR-Kollegen bei der Einführung der neuen Eisberg-Kollisionsverhütungs-Korridore nicht richtig mit- und nachgedacht haben.

„Man hat uns ja gefragt, uns um unsere Meinung gebeten. Und wir haben alle die neuen Korridore abgenickt!“ erinnert sich Riou. Doch mit seinen mehr als 70 Waypoints sind diese Korridore eher enge „Kanäle“, in denen – auch bei achterlichen Winden – relativ viele Manöver, sprich: Halsen gefahren werden müssen. „Früher hatten wir mehr Platz, konnten backbords und steuerbords längere Strecken fahren,“ weiß Vincent Riou.

Und da die Foiler für höhere Geschwindigkeiten auch höher am Wind fahren müssen als die herkömmlichen IMOCA, könnte die Anzahl der zu fahrenden Manöver Regatta-entscheidend werden. „Aber ehrlich gesagt: Auch mir geht reichlich die Klammer, wenn ich mit ordentlich Druck von hinten im Seegang des Southern Ocean Halsen fahren muss – Foiler hin oder her. Und wenn ich weiß, dass das nächste Manöver schon in relativ kurzer Zeit wieder angegangen wird… na super!“

Sätze, bei denen Riou übrigens zum ersten Mal die Stimme erhebt, aus seinem Zen-Rhythmus fällt. Um gleich darauf wieder in aller Ruhe nachzusetzen: „Aber rein rechnerisch sind wir ohne Foils bei achterlichen Winden im Southern Ocean im Vorteil. Weil wir tiefer Segeln können und dadurch weniger Manöver fahren!“

Doch Vincent Riou weiß auch, dass dies nur ein Aspekt von Dutzenden ist, die über Sieg oder Niederlage entscheiden werden. „Ich muss einfach nur die Ruhe bewahren,“ sagt er abschließend. „Und das kann ich ziemlich gut!“

Vincents Facebook-Seite wird tagesaktuell bestückt

Vendee Globe, Porträt Vincent Riou

Wer gelassen bleibt, den liebt das Meer! © Eloi Stichelbaut / PRB

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Michael Kunst

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9 Kommentare zu „Porträt: Vincent Riou, heimlicher Star der Vendée Globe auch ohne Tragflächen“

  1. avatar Fabian sagt:

    Es entbehrt jeglicher Logik¸ dass die Foiler höher am Wind fahren müssen, da sie schneller sind. Mehr Boatspeed = vorlicher AWA = gleiche tieferer TWA bei gleichem AWA. Und da die Segelgadaroben ähnlich sind, werden alle ungefähr die gleichen target AWA haben, egal ob Foiler oder nicht.

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  2. avatar Ono Mothwurf sagt:

    Ja, stimmt schon, Fabian.
    Aber ansonsten ist das ein wunderbarer Artikel. Kein Wort zu viel, spannend und höchst lesenswert. Für solche Geschichten verlängere ich gern mein Abo.

    Darüber hinaus hoffe ich, dass diese Foil-Experimente gut ausgehen, ich befürchte das Schlimmste für Kiel und Foils, wenn das Wetter grob wird.

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  3. Sie müssen höher am Wind fahren, da die Foils – wenn sie überhaupt Sinn machen sollen – auch im Wasser sein müssen. Und das geht bei tiefen Kursen mit einem relativ aufrechten Schiff nicht so toll …

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  4. avatar Johnny Rotten sagt:

    Super Portrait. Wenn hier mehr in dieser Qualität käme würde ich abonnieren!

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  5. avatar Ammerseer sagt:

    Fuer die Neigung muss man nicht hoeher am Wind Segeln, dafuer gaebe es den canting keel

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  6. avatar meerkater sagt:

    Welche 2 Boote haben denn dir gleichen Flügel? Es komme eigentlich nur Banque Populaire 8 und Safran oder Egmont de Rothschild und St. Michel- Virbac in Frage, da die jeweils außen gleichen Formen sind.

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