Segel-Historie: Das Drama um Pete Goss und den Monster-Katamaran “Team Philips”

Vom Ozean bezwungen

So segelte “Team Philips” mit seinen neuartigen Wavepiercer-Rümpfen vor dem Desaster:

Eine ältere Lady hatte es mit der Sektflasche in der Hand, dass im britischen Yachtsport im neuen Jahrtausend alles anders werden würde. Zum ersten Mal in der Geschichte der englischen Monarchie taufte eine regierende Königin ein Schiff, das weder für Krieg noch Amusement gedacht war.

Ihre königliche Hoheit Elizabeth II beendete mit den Worten „Ich taufe Dich auf den Namen `Team Philips´“ ein Jahrhunderte altes royales Ressentiment gegen Segelschiffe, die nichts anderes als schnell ankommen und alles gewinnen sollen.  Dass sie dabei so etwas Schnödes wie den Namen eines Konzerns über die Lippen brachte, galt vielen als Hoffungsschimmer für zukünftiges royales Engagement…

Das blaue Monster der Meere – Team Philips mit Parallel-Rigg © Angusnoble

Das blaue Monster der Meere – Team Philips mit Parallel-Rigg © Angusnoble

Monster für die Seehoheit

Es war aber auch wahrhaft königlich, was Elsbet da symbolisch ins Wasser schubste: Ein gigantischer, blauer Katamaran mit den ziemlich exakten Ausmaßen des Center Courts in Wimbledon (um im königlichen Jargon zu bleiben): 120“ /37 m Länge,  70“ /21m Breite und 41 m (10 Doppeldeckerbusse!) Masthöhe. Derer gab es übrigens zwei: aus jedem Rumpf ragte ein unverstagter, überdimensioniert wirkender Profilmast mit Windsurf-Rigg. Beide Masten standen sich genau gegenüber (Parallelrigg) – die enorme Breite des Kats sorgte dafür, dass keine Abdeckung entstehen konnte.

Dieses „elegante Monster“ wie es von seiner Crew liebevoll genannt wurde, hatte im Prinzip nur eine Existenzberechtigung: Es sollte die britische Vorherrschaft auf den Rund-um-die-Welt-Regatten wieder herstellen – die Franzosen waren einfach zu aufmüpfig geworden! Nächste Gelegenheit bot „The Race“: Einmal rundum, ohne Regeln – Start 31. Dezember 2000 in Barcelona.

Wie aus und auf einer anderen Welt © angusnoble

Wie aus und auf einer anderen Welt © angusnoble

Peyron: „Jetzt werden wir nur noch Zweite!“

Es gibt das Gerücht, es sei dem französischen Offshore-Superstar Loick Peyron „kalt und heiß über den Rücken gelaufen“, als er die „Team Philips“ erstmals unter Segeln sah: So unglaublich leicht, elegant und zumindest gefühlt irrsinnig schnell war offenbar zuvor noch nie ein Schiff über die Nordsee gesegelt. „Jetzt können wir nur noch Zweiter werden“, soll Loick gesagt haben. Und die Britischen Medien nahmen das mit Begeisterung auf! „We’ll make it!“ jubelte die Sun nach dem Stapellauf, um ein paar Tage später zu fragen: „Will we make it?“

Denn schon mit den ersten gesegelten Meilen wurde deutlich, dass dieses Ungetüm zur See zwar ein unglaublich revolutionäres und nicht nur deshalb mutiges Design ist, aber auch das sprichwörtlich anfällige „Rennpferd“ darstellte. Oder um es mit den Worten seines Skippers Pete Goss zu sagen: „Auf der Team Philips ritt man immer auf Messers Schneide!“

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Michael Kunst

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10 Kommentare zu „Segel-Historie: Das Drama um Pete Goss und den Monster-Katamaran “Team Philips”“

  1. avatar Michael sagt:

    Ein echt spannendes Projekt und schade, dass es damals so ausgegangen ist. Ich hätte das Boot gerne im Vergleich gesehen.

    Schöne Anekdote nebenbei:
    Als wir 2007 unseren Seacart 30 von Pete Goss kauften und das Boot im Dezember überführten hielt er einen Musto Überlebensanzug mit der Aufschrift “Team Philipps” hoch und fragte ob einer von uns den noch bräuchte…. wäre auch nur einmal genutzt….

    Für den ansonsten sehr trockenen Engländer ein sehr lockerer Schnack, muss ich sagen. Wir haben beim englischen Bierchen sehr darüber gelacht…

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  2. avatar Uwe R. sagt:

    Ein Rumpfteil wurde von einem Fischer in Island gefunden und auf die Westmännerinseln gebracht. Dort wurde es zersägt und auf einer Müllkippe entsorgt. Ich war im Jahr 2001 dort und habe mir als Andenken ein kleines Stück Kohlefaserlaminat gesichert.

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  3. avatar T.K. sagt:

    Dieses Projekt war eines der innovativsten Katprojekte zu seiner Zeit. Es kam für die Kohlefasertechnik vielleicht ein wenig zu früh. Man kannte die Grenzen noch nicht, bzw man hat Sie überreizt. Es wundert, warum kaum ein anderes Konzept (Zwei Masten) da heute dran anknüpft. Mit heutiger Technik, ein paar foils (muss ja heute sein) und tragflügelrigg wäre der Dampfer der Hammer!

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  4. avatar Ketzer sagt:

    Ist aber technisch schon ganz schön ehrgeizig, die Masten frei stehen zu lassen und das Moment dann über die Beams abzufangen… Bei dem ungarischen Kat sind die Masten oben nochmal verbunden und dann diagonal verstagt, oder? Scheint mir cleverer, auch wenn es da letztlich Bruch gab.

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  5. avatar Christian1968 sagt:

    Ich habe das damals auch verfolgt und glücklicherweise kam niemand ums Leben. Denn 1986 kenterte der große Katamaran während der Route du Rhum, als der Skipper Lois Caradec in einen sehr schweren Sturm geriet. Er hatte bereits alle Segel geborgen, aber der gigantische Flügelmast war sein Schicksal. Während des letzten Funkgesprächs mit ihm heulte im Hintergrund die ganze Zeit die Sirene, welche eine zu starke Krängung des Bootes anzeigte. Er wurde nie gefunden und blieb auf See.
    Gigantische Flügelmasten/Flächenprofile sind also tückisch.

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  6. avatar Christian1968 sagt:

    ….habe den Namen des Kats vergessen, richtig muss es natürlich heissen:
    Denn 1986 kenterte der große Katamaran ROYALE während der Route du Rhum.

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  7. avatar Rainer1971 sagt:

    Das war echt mal ein innovatives Projekt – da hat sich wer was getraut. Leider mit unglücklichem Ausgang. Schön wäre es wenn sich heute da mal ein Finanzie/Konstrukteur drüber trauen würde – mit verbesserter Simulation, besser berechneten Systemen etc. Mein “Like” hätte er!

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  8. avatar 123 sagt:

    http://www.petegoss.com/userfiles/team_philips_bk.pdf
    Hier sind noch ein paar Infos zum Kat, auch zur Struktur.

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