Vendée Globe: Wie Alan Roura als Jüngster zur härtesten Einhand-Regatta gekommen ist

Der Segellebenskünstler

Ein Schweizer Youngster, der bereits 65.000 sm im Kielwasser hat, davon 20.000 sm einhand, behauptet: „Ich stehe erst am Anfang”. Dabei ist er schon so weit gekommen.

Ortstermin in Lorient, Frankreich. In einer dieser riesigen Werfthallen, die heute in den monströsen, ehemaligen U-Boot-Bunkern aus dem Zweiten Weltkrieg untergebracht sind, schrauben, schleifen, kleben, hämmern und werkeln ein halbes Dutzend Arbeiter an einem IMOCA-Rumpf.

Der 60-Fuß-Bolide wirkt in der großzügigen Halle, in der sonst am Mega-Tri „Prince de Bretagne“ gebastelt wird, fast schon ein wenig verloren.

Unter den staubbedeckten Arbeitern, die auf den ersten Blick alle gleich aussehen, löst sich ein groß gewachsener Typ, der sich breit grinsend vorstellt: „Salut, ich bin Alan. Komm, suchen wir uns einen staubfreien Platz und quatschen ein wenig. Kaffee?“

Eigentlich hab ich mir den Schweizer Alan Roura ganz anders vorgestellt. Der 23-jährige ist der jüngste Segler, der jemals zur Vendée Globe meldete und wahrscheinlich prägte die Altersangabe das Bild von einem „Milchbubi“ in meinem Kopf. Doch Alan ist das genaue Gegenteil: Muskulös, wettergegerbtes, gebräuntes Gesicht, reichlich Bartwuchs und ein einnehmendes, sympathisches Lächeln. Man könnte ihn durchaus auch älter schätzen, fragt sich aber sogleich, ob dieser „Eindruck“ vom Äußeren herrührt oder durch seinen gelassenen und ziemlich selbstsicher wirkenden Auftritt.

Alan Roura, Vendée Globe

Der jüngste Teilnehmer der diesjährigen Vendée Globe und der einzige Schweizer: Alan Roura © miku

Das ist doch Segeln!

Im Gespräch mit so einem Typen, der gerade an einem Schiff bastelt, das ihn ab 6. November nonstop um die Welt segeln soll, müsste einen normalerweise eine gewisse Ehrfurcht überkommen. Doch angesichts Alans Alter behält eher eine gewisse Sorge überhand.

„Sag’ mal, hast Du eigentlich keine Angst auf so einem Rennboliden auf solch einer riesigen Strecke?“ lautet denn auch die erste Frage. „Ich verstehe nicht ganz, was du meinst,“ antwortet er nach kurzem Zögern. „Wovor soll ich denn Angst haben? Respekt vor dem Meer – der ist immer da. Aber Angst? Das ist doch Segeln! Und Segeln ist nun mal mein Leben!“

Tatsächlich sollte mir die anfangs gestellte Frage einige Zeit später selbst ziemlich dusselig erscheinen. Aber wer konnte schon ahnen, dass ein 23-Jähriger eine seglerische Erfahrung mitbringt, die selbst engagierte Hochseesegler, die doppelt und dreifach so alt sind, niemals erreichen werden.

Alan Roura, Vendée Globe

“Beau gosse” wie die Franzosen zu den nicht ganz so hässlichen Männern sagen © breschi

„Eigentlich habe ich seit meinem dritten Lebensjahr nichts anderes gemacht als auf Booten zu leben, mit denen ich nahezu alle Ozeane der Welt besegelt habe und die ich fast immer selbstständig und mit der Hilfe von Freunden in Schuss hielt,“ beginnt Alan einen langen, nachdenklichen Diskurs über sein kurzes und reiches Leben.

„Vielleicht verstehst Du meine Antwort besser, wenn ich Dir sage, dass das Leben auf Booten eigentlich nichts anderes als eine permanente Schule fürs Leben ist. Du musst Dich drum kümmern, dass Deine Umgebung „in Schuss“ ist, sonst säufst Du ab. Kannst du Dich auf Dein Zuhause jedoch verlassen, bringt es Dich fast überall hin, wo Du möchtest! Und zwar je nach Bootstyp mehr oder weniger schnell!“

Immer auf dem Wasser

Alan begann schon früh mit seinem Leben auf dem Wasser. Als Zweijähriger zog er mit seinen Eltern auf ein Motorboot am Genfer See, als Achtjähriger startete er zu einer Weltumseglung mit seinen Eltern und Geschwistern auf einer eher gemächlichen 12 m langen „Long Vent“. Von diesem Bootstyp „made in Switzerland“ wurden insgesamt zehn Boote, die größtenteils noch immer segeln, in den Achtzigern und Neunzigern gebaut.

Schon bei den ersten Stopps auf den Kanaren verknallte sich der Knirps in die Mini 6.50-Klasse und verkündete großartig: „Die Mini Transat werde ich auch mal segeln!“

Alan Roura, Vendée Globe

Mit den beiden Bootsbauern Youn und Vanessa © miku

Bis dahin sollte er allerdings noch jahrelang auf den Sieben Meeren gewiegt und geschüttelt werden, sollte unzählige Abenteuer unter dem schützenden Händen seiner Eltern und Geschwister bestehen, bis er sich schließlich als 15-Jähriger auf Grenada von gespartem Taschengeld ein Mini-Wrack kaufte. „Das war ein Holzschiff, ein Super-Boot, untauglich für die Mini-Transat, aber doch immerhin ein Mini.“

Der geschickte Bastler richtete sich das Boot in einigen Wochen mit rudimentären Mitteln so weit her, dass er lossegeln konnte. „Mein Vater zuckte nur mit den Schultern und sagte: Aber nicht aus der Karibik raussegeln. Du bleibst in der Nähe!“ Es folgten Monate intensiven Segelns, ohne Elektrik, ohne GPS, ohne Geld, nur mit dem Allernötigsten versehen. „Eine bessere Schule für mein Leben hätte ich mir nicht wünschen können,“ erinnert sich Alan heute. Und apropos Schule: All diese ganze „unnötige Paukerei“ gab er kurz darauf vollständig auf, um „was Anständiges zu lernen, von dem ich wirklich profitieren kann.“

Alan Roura, Vendée Globe

Vom Holz-Mini-6.50 zum IMOCA – für Alan nur ein kurzer Weg © Madec

Bei der Mini Transat flügge geworden

Was logischerweise Arbeiten an Booten und Yachten waren. Jahrelang schuftete der Teen immer dort, wohin ihn das Leben an Bord der elterlichen Yacht verschlug. Er arbeitete auf Werften in Südamerika, bastelte an Luxusyachten auf Tahiti, ackerte in der Karibik, auf Neuseeland und, und, und… Doch eines ging ihm nie aus dem Kopf: Die Mini-Transat und überhaupt die ganze Hochsee-Regattasegelei.

Nachdem er seinen ersten Mini irgendwo in der Karibik einer Segelschule verkauft hatte, nachdem er mit seinem Vater (seine älteren Geschwister waren bereits in „aller Herren Länder“ sesshaft) über den Pazifik gesegelt war, gab es irgendwann kurz vor seiner Volljährigkeit den Punkt, an dem Alan „flügge“ wurde. Wenn man das bei einem Weltenbummler wie ihm überhaupt so nennen darf.

Alan Roura, Vendée Globe

Bastelarbeiten © miku

An seinem 18. Geburtstag erhielt Alan das „Yacht Master“-Diplom, als bis dato jüngster Segler überhaupt. „Ich sagte meinem Vater damals, dass ich jetzt endlich professioneller Hochseesegler werden wolle und nicht mehr mit ihm durch die Weltgeschichte tingeln könne!“ erinnert sich Alan augenzwinkernd. Papa Roura reagierte prompt, verkaufte buchstäblich von einem Tag auf den anderen die Familienyacht und flog mit seinem Sohn zurück nach Europa.

Dort wartete ein Mini auf Alan. „Das einzige Boot, das ich mir leisten konnte, war ein uralter Proto, wieder aus Holz. Den ich mir mit null Budget und der Hilfe von Kumpeln und Freunden restaurierte.“

Irgendwie schaffte er es, sich für die Mini Transat 2013 zu qualifizieren. „Ich hatte keinen Cent mehr in der Tasche. Aber ich war dabei. Und verdammt stolz!“

Ein Gefühl, das sich noch deutlich steigern sollte, da Alan auf seinem uralten Pott unter den Prototypen immerhin 11. wurde!

Man vertraut mir

„Ich hatte damals zwar noch keine Ahnung davon, aber durch diesen 11. Rang sind so einige wichtige Leute hier in der Szene auf mich aufmerksam geworden,“ meint Alan. Weiterhin mit einer Brieftasche unterwegs, in der meistens Ebbe herrschte, fragte er links und rechts vor allem in der französischen Szene nach, ob da nicht noch „mehr als nur eine Mini Transat“ für ihn drin sei.

Alan Roura, Vendée Globe

Beim Qualifikationstörn über den Atlantik © madec

Worauf ein Phänomen einsetzte, auf das manche Hochseesegler ihr Leben lang vergeblich hoffen und das anderen eben in den Schoß fällt. „Die Leute vertrauten mir, irgendwie. Obwohl ich nun nicht gerade wie der Prototyp eines seriösen Youngsters aussehe, dem man Kampagnen im Wert von ein paar hunderttausend Euro anvertraut, standen mir erstaunlich viele Türen offen!“

Zwar gab es nie Geld im Überfluss, aber es reichte immer mit Unmengen persönlichem Einsatz, 24-Stunden Jobs am Schiff und der unverzichtbaren Hilfe einiger Freunde, die oft nach ihrem eigenen Feierabend nochmals bei Alan zum „Basteln“ auftauchten.

Im zarten Alter von 21 Jahren startete er so auf der Class 40 „Exocet“ bei der Route du Rhum, die er aufgrund einer Havarie bereits in der aufgewühlten Biskaya beenden musste. Mit 22 finishte er, wieder auf der Class 40, die Transat Jacques Vabre auf Rang 10. Die französischen Medien schrieben damals: „Könnte es sein, dass dort ein neuer Stern am Hochseehimmel aufgeht?”“

Alan Roura, Vendée Globe

Hoffentlich die letzten Tage in der Halle © miku

Alles Schicksal?

Szenenwechsel. Von den Meeren zurück in die staubige Halle an der „Base“ von Lorient. Alan raucht seine x-te Fluppe, und blickt versonnen zum IMOCA hinüber, auf dessen Rumpf groß „Un Vendée pour la Suisse“ prangt. Oben auf dem Deck arbeiten einige Kollegen, die gleichzeitig Kumpel sind und offiziell für seine Kampagne angestellt wurden.

„Meine hoffentlich letzten Arbeiten am Schiff, ich muss noch einige Seemeilen trainieren,“ sagt Alan; u.a. wird der Spritzwasserschutz für das Cockpit verlängert, einige Stellen am Deck ausgebessert, alle beweglichen Teile überprüft und und und… „Vor so einer Regatta wie der Vendée Globe ist dein Schiff eigentlich nie fertig,“ sinniert der junge Schweizer.

Dafür kann er sich auf eine der interessantesten IMOCA der älteren Generation verlassen. Die „Superbigou“ wurde 1997 von Landsmann Bernard Stamm für die Vendée Globe 2000/2001 erdacht und konstruiert. Auch Stamm hatte damals kaum Geld, lieh sich die wichtigsten Teile von anderen IMOCA und musste mit einem unfertigen Boot nach neun Tagen im Rennen aufgrund eines unzuverlässigen Autopiloten aufgeben.

Doch Boot und Bernard blieben zusammen – für einen 24-Stunden-Weltrekord und jede Menge Treppchenplätze bei großen Hochseeregatten. 2011 verkaufte Stamm die „Superbigou“ nach Spanien, von wo aus sie beim Barcelona World Race um die Welt segelte.

Alan Roura, Vendée Globe

Die “superbigou” unter Bernard Stamm bei einer Rekord-Atlantikfahrt © stamm

„Dieses Boot ist eine sichere Bank,“ sagt Alan mit Überzeugung in der Stimme. „Es ist stark, erprobt und richtig leicht. Ich kann mich darauf voll und ganz verlassen!“ Schließlich wolle er die VG ja nicht gewinnen, sondern nur finishen. „Wenn ich auf einem Boot durchkommen kann, dann auf der Superbigou!“

Zuletzt dann doch noch eine typisch-deutsche Frage, mit einem gewissen Schweizer Akzent. „Alan, bei all der Lässigkeit und all’ dem freundschaftlichen Engagement: Wie um alles in der Welt bist Du an diesen Renner gekommen? Im Lotto gewonnen?“

Alan lacht, schaut nochmals versonnen zum Boot hinüber und sagt dann: “Man vertraut mir eben, das Schiff wird mir von meinem Sponsor Ropeye zur Verfügung gestellt. Irgendwie habe ich Glück, die Leute rufen mich nach Artikeln in der Presse über mich an und wollen mich unterstützen. Einfach so. Seit ein paar Tagen läuft ein Crowdfunding für neue Wanten. Es klappt einfach.“

Ob das Schicksal sei, die ewige Geschichte vom Mann, dem Boot und der See? Alan hebt eine Augenbraue an, blickt kurz hinüber und meint nur: „Könnte sein! Vielleicht ist es aber auch einfach nur Leidenschaft. Und harte Arbeit!“

Alan Roura, Vendée Globe

Die Leute glauben an ihn. Hier die Bootsbauer Youn und Vanessa bei Arbeiten am Gischtschutz © mikumiku

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Vendée Globe

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Michael Kunst

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2 Kommentare zu „Vendée Globe: Wie Alan Roura als Jüngster zur härtesten Einhand-Regatta gekommen ist“

  1. avatar Breizh sagt:

    Was für eine klasse Story!!! Und super sympathisch. Auf jeden Fall schon einmal der Gewinner der Herzen der aktuellen VG Kampagnen.
    Mehr davon.

    Und nicht vergessen den eigenen Mini auch schön (schnell) bewegen. Idealerweise unter Vollzeug an Port Louis vorbei und das ganze vor der entgegenkommende Groix Fähre 😉.

    Super Beitrag, mehr davon! Like or Dislike: Daumen hoch 6 Daumen runter 0

  2. avatar Addi sagt:

    Tolle Story! Und wieder klasse rüber gebracht , danke miku!

    Like or Dislike: Daumen hoch 3 Daumen runter 0

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