Volvo Ocean Race: Wie John Fisher bei Scallywag über Bord ging – Kurzzeitig ausgehakt

"Besten Freund verloren"

Das Team Sun Hung Kai/Scallywag hat eine Erklärung zu den Umständen verfasst, die zum Tod von John Fisher geführt haben. Möglicherweise war er schon früh bewusstlos.

John Fisher

John Fisher mit angelegter Sicherheitsausrüstung. © Konrad Frost/Volvo Ocean Race

SHK/Scallywag Team Manager Tim Newton hat mit Skipper David Witt und der Navigatorin Libby Greenhalgh darüber gesprochen, was am Montag passiert ist. “Das ist die schlimmste Situation, die man sich für ein Team vorstellen kann. Ich weiß für David, er hat seinen besten Freund verloren. Das ist absolut niederschmetternd.”

Um zu verstehen, wie es zu dem Unglück gekommen ist, hat Newton die Crew gebeten, die Ereignisse in eine zeitliche Reihenfolge zu setzen.

 

• Am Monday den 26 März segelte SHK/Scallywag etwa 1.400 Meilen westlich von Kap Hoorn.
• Der Wind wehte mit 35-45 Knoten, die Wellenhöhe betrug 4 bis 5 Meter. Regenschauer beeinträchtigten die Sicht. Die Sonne sollte in 15 Minuten aufgehen.
• Das Team segelte mit einem Reff im Groß und der J2-Fock. Das Vorsegel Fractional 0 (FR0) war ebenfalls gesetzt aber aufgerollt.
• Etwa um 13 Uhr (UTC) surfte SHK/Scallywag eine große Welle ab und wurde dabei in eine Patenthalse gezwungen.
• John Fisher befand sich an Deck aber im Cockpit. Er bewegte sich nach vorne, um die Schot des FR0 zu ordnen und hatte dafür seine Lifeline ausgehakt.
• Als das Großsegel in der Patenthalse auf die andere Seite schwang wurde er vom Großschot-System erfasst und über Bord gerissen. Die Crew glaubt, dass John schon bewusstlos war, als er im Wasser auftraf.
• Er trug einen Überlebensanzug mit einer Nepren-Kapuze, Handschuhe und eine Rettungsweste.
• Die Crew warf sofort die sich automatisch aufblasende Markierungsboje vom Typ JON buoy und eine Hufeisen Boje hinterher, um die Position zu markieren.
• Es verging einige Zeit, bis das Boot unter Kontrolle war und unter Segel und Motor zurückfuhr zu einer Position in der Nähe des Mann-über-Bord-Vorfalls.
• Um 13:42 (UTC) wurde die Race Control in Alicante per Mail informiert, dass man ein MOB-Manöver und die Suche gestartet habe.
• Mit der Hilfe des Maritime Rescue Coordination Centre und Race Control wurde einige Stunden lang die Suchoperation vollzogen. Aber das Team fand kein Zeichen von John oder den Bojen.
• Die Wetterbedingungen verschlechterten sich weiter, und so musste die schwierige Entscheidung getroffen werden, zum Schutz der verbleibenden Crew die Suche abzubrechen.

Newton betont, wie verzweifelt die Segler sind. Aber die Situation sei längst noch nicht ausgestanden. Denn die extremen Bedingungen halten die nächsten Tage an, und der Seegang verschlimmert sich noch. “Am Wichtigsten ist es jetzt, das Team mit der Hilfe von Race Control sicher in einen Hafen zu geleiten. Wenn wir das geschafft haben, ist Zeit, genauere Fragen zu stellen. Wir müssen sicher gehen, was man daraus lernen kann. Das wäre ein Vermächtnis, das John hinterlässt. Er hat so viel Zeit damit verbracht, den jüngeren Seglern im Team die Erfahrungen seiner langen Segelkarriere zu vermitteln.” 

avatar

Carsten Kemmling

Der Mann von der vordersten Front. Mehr zu ihm findest Du hier.
Spenden

7 Kommentare zu „Volvo Ocean Race: Wie John Fisher bei Scallywag über Bord ging – Kurzzeitig ausgehakt“

  1. avatar Maha sagt:

    Nun gibt es konkretere Informationen:

    John klinkte sich aus, um ‘die Schot des FR0 zu ordnen’. Kann man ihm da einen Vorwurf machen? Meiner Meinung nach nicht!

    Und daher entschuldige ich mich für meine erste Vermutung: dass er überhaupt nicht an der Lifeline war. Dies war eine vorschnelle Einschätzung meinerseits , ohne die Fakten zu abzuwarten…

    Super Beitrag, mehr davon! Like or Dislike: Daumen hoch 26 Daumen runter 0

  2. avatar Südlicht sagt:

    Hallo Maha,

    ich hatte mich sehr über Dienen Kommentar geärgert weil er verfrüht war, finde es aber genial dass Du Dich dafür entschuldigst, das zeigt echte Größe.

    Respekt

    Super Beitrag, mehr davon! Like or Dislike: Daumen hoch 10 Daumen runter 4

  3. avatar Robrahn sagt:

    Als Laie interessiert mich die Beantwortung einer Frage: War der Anzug nicht mit Wearable Technologies versehen? Denn was liegt näher, als den Überlebensanzug mit GPS auszustatten.

    Like or Dislike: Daumen hoch 2 Daumen runter 1

    • avatar eku sagt:

      Ist etwas schwierig hier zu antworten und ich habe versucht anderen den Vortritt zu lassen ..
      Jede Antwort klingt besserwisserisch, was ich gar nicht mag …
      Schau dir mal den Artikel “Auf See geblieben” hier an. Da wird von etlichen Kommentatoren auf die “finden” Problematik eingegangen.
      Ob die Instrumente dafür weareble sind oder nicht, tut eigentlich nichts zur Sache, hauptsache sie sind da.
      Aber egal wie, es gibt wesentlichere Probleme in so einer Situation.

      Und letztlich: “GPS” ? – was hilft es dem Ertrinkendem, dass er weiß wo er ertrinkt/erfriert?

      Sorry jetzt: GPS ist ein System, welches hilft die eigene Position zu kennen – das benachrichtigt niemanden.
      Die Satteliten stehen nur da oben und senden ein exaktes Zeitsignal und ihre geostationäre Position. Das ist hilfreich, rettet aber selbst niemanden.

      Sei bitte nicht böse ob dieser evtl belehrenden Worte – andererseits finde ich es richtig und gut, dass auch “segelfremde” hier in der Kommentarfunktion einen Zugang zu den Themen finden, die in oft kontroversen Besprechungen/Artikeln für Laien unverständlich dargestellt werden.

      Grüße
      eku

      Heisse Debatte. Was meinst du? Daumen hoch 2 Daumen runter 6

      • avatar Bee sagt:

        Die Abkürzung “GPS” steht nur für global positioning system. Es ist das amerikanische Positionsbestimmungssystem, ursprünglich entwickelt für das amerikanische Militär. GLONAS ist das russische, GALLILEO das europäische – Testbetrieb angeblich ab nächstem Jahr. Die, zum Beispiel von Secumar, angebotenen Seenotsender stellen die Position der Person fest und senden diese Position an die Retter. Die Position wird laufend aktualisiert.

        Like or Dislike: Daumen hoch 4 Daumen runter 1

  4. avatar Captnahab sagt:

    Verstehe ich nicht. Diese Schiffe haben doch alle AIS-fähige Kartenplotter an Bord. Darauf würde man das GPS-gestützte AIS-Signal eines AIS-MOBs doch sehen können und diesen zumindest wiederfinden; selbst bei dem Seegang. Der Mast hat eine Höhe von mehr als 30 Metern, da ist das Signal selbst bei einem Sender, der sich im 5 Meter Wellental befindet an Bord noch zu empfangen.

    Super Beitrag, mehr davon! Like or Dislike: Daumen hoch 8 Daumen runter 1

  5. avatar MothSegler sagt:

    So oder so, da wird jetzt viel Arbeit auf die VOR Organisatoren zukommen. Wie oben im Artikel schon geschrieben, gilt es jetzt, daraus zu lernen und die Systeme so sicher zu machen, dass diese Situationen noch seltener werden.
    Ein schwacher Trost, aber die Frequenz von Todesfällen bei allen Offshore Rennen nimmt stetig ab. Den letzten Todesfall musste das VOR vor 10 Jahren beklagen.
    Schlussendlich bleibt es aber ein risikoreiches Rennen, egal wieviel Technik man entwickelt, um so etwas zu vermeiden, das ist auch allen Seglern, die dort teilnehmen, bewusst. Das macht es nicht weniger schlimm, aber der Grad zwischen “Gerade nochmal Glück gehabt” und einer solchen Tragödie ist sehr sehr schmal.

    Like or Dislike: Daumen hoch 0 Daumen runter 0

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Sicherheitsfrage (SPAM-Schutz): *