Grindwal-Drama vor England: Rettungsversuch für rund 40 Tiere endete für viele Wale tödlich

Dramatische Massenstrandung

Vor der Küste Northumberlands versuchten Tierschützer, eine Gruppe von rund 40 Grindwalen aufs offene Meer zurückzutreiben. Sechs Tiere strandeten schließlich auf der schwer zugänglichen Coquet Island. Inzwischen sind alle tot – nach den übrigen Walen wird weiter gesucht.

 

Gestrandete Grindwale © bdmlr.org.uk

Eine große Gruppe Grindwale hat vor der englischen Nordostküste einen aufwendigen Rettungseinsatz ausgelöst. Rund 40 Tiere hielten sich am Sonntag, 20. September, ungewöhnlich dicht vor der Küste bei Warkworth in Northumberland auf, etwa 20 Seemeilen nördlich von Newcastle. Ihr Verhalten deutete nach Angaben der Hilfsorganisation British Divers Marine Life Rescue (BDMLR) darauf hin, dass eine Massenstrandung unmittelbar bevorstehen könnte. Die ersten Beobachtungen waren alarmierend. Die Wale bewegten sich nicht einfach gemeinsam entlang der Küste, sondern verhielten sich nach Einschätzung der erfahrenen Helfer so, wie es häufig unmittelbar vor Strandungen beobachtet wird. Besonders auffällig: Ein großer Teil der Gruppe blieb eng um eines der größten Tiere versammelt, das bewegungslos auf der Seite lag. BDMLR brachte daraufhin Helfer auf lokale Boote und versuchte, den Verband vorsichtig von der Küste weg in tieferes Wasser zu treiben. Doch die Tiere ließen sich nicht vom gefährdeten Bereich wegführen. Ein Teil der Gruppe blieb weiter dicht bei dem offensichtlich geschwächten oder bereits verendeten Tier. Mit Einbruch der Dunkelheit musste der Versuch abgebrochen werden, weil sich die Wale nicht mehr sicher beobachten und die Boote nicht mehr gefahrlos zwischen ihnen manövrieren ließen.

Wale zunächst verschwunden

Am folgenden Morgen schien die gesamte Gruppe zunächst verschwunden zu sein. Bei der Suche entlang der Küste gab es keine Sichtung. Dann meldeten Mitarbeiter der Royal Society for the Protection of Birds von Coquet Island mehrere Wale auf den felsigen Küstenabschnitten der Insel.Zunächst war von möglicherweise bis zu zwölf Tieren die Rede. Die Rettungskräfte fanden schließlich sechs Grindwale. Fünf lagen an Land, ein weiteres Tier befand sich noch im Wasser. Zwei der gestrandeten Tiere waren zu diesem Zeitpunkt bereits tot.

Coquet Island liegt nur wenige Kilometer vor der Küste Northumberlands, ist jedoch für einen solchen Rettungseinsatz ausgesprochen schwierig. Die Wale lagen nicht an einem flachen Sandstrand, sondern zwischen felsigen Vorsprüngen. Hinzu kam, dass Helfer die Insel wegen der Tide nur während eines engen Zeitfensters von einigen Stunden rund um Hochwasser erreichen konnten. Trotzdem versuchten die Teams, die noch lebenden Grindwale wieder ins Wasser zu bringen. Das gelang nicht. Die Kombination aus felsigem Gelände, dem Gewicht und der Kraft der Tiere sowie dem wieder ablaufenden Wasser machte einen sicheren Rettungsversuch schließlich unmöglich. Die Helfer mussten sich zurückziehen.

Foto: Screenshot Orca Marine

Auch die letzten sechs Tiere sind tot

Am Dienstagmorgen, 22. September, kehrte ein Team einschließlich eines Tierarztes auf die Insel zurück. Die Untersuchung brachte die traurige Gewissheit: Sämtliche sechs Tiere waren inzwischen verendet. Nach Angaben von BDMLR handelt es sich offenbar ausschließlich um weibliche Grindwale, darunter sowohl ausgewachsene Tiere als auch Jungtiere. Was mit den übrigen rund 30 Tieren aus der ursprünglich beobachteten Gruppe geschehen ist, bleibt dagegen offen. Bereits in der Nacht sowie erneut am Dienstag wurde die Küste abgesucht. Beobachter von BDMLR stehen an verschiedenen Abschnitten, außerdem kommen genehmigte Drohnen und Flugzeuge der Organisation Civil Air Support zum Einsatz. Auch Schiffe in der Region wurden gebeten, nach Grindwalen Ausschau zu halten. Bis zum Update von BDMLR am Dienstagnachmittag gab es keine weiteren Sichtungen. Damit ist bislang auch unklar, ob der größere Teil des Verbandes tatsächlich wieder ins offene Wasser geschwommen ist oder ob weitere Tiere an einem bislang nicht entdeckten Küstenabschnitt gestrandet sind.

Warum bleiben Grindwale bei einem geschwächten Tier?

Genau die Beobachtung vom Sonntag könnte zugleich einen Hinweis darauf liefern, warum die Situation eskalierte. Grindwale leben in ausgesprochen engen sozialen Verbänden. Bei Massenstrandungen wird deshalb immer wieder beobachtet, dass gesunde Tiere einem kranken, verletzten oder orientierungslosen Mitglied der Gruppe folgen oder bei ihm bleiben. Im Fall von Northumberland ist eine solche Ursache bislang allerdings nicht nachgewiesen. BDMLR beschreibt lediglich, dass zahlreiche Wale dicht um das große, bewegungslose Tier versammelt blieben und sich auch durch die Boote nicht aufs offene Wasser treiben ließen. Ob dieses Tier tatsächlich der Auslöser für das Verhalten der Gruppe war, sollen weitere Untersuchungen klären. Sofern die Bedingungen eine Bergung zulassen, sollen die toten Wale deshalb vom britischen Cetacean Strandings Investigation Programme untersucht werden. Ob Krankheiten, Verletzungen oder andere Auffälligkeiten innerhalb der Gruppe vorhanden waren, könnte eine Obduktion zeigen.

Nicht dieselbe Gruppe wie in der Themse

BDMLR betont ausdrücklich, dass es sich nicht um dieselbe Gruppe Grindwale handelt, die am Wochenende zuvor aus der Themse herausgeführt worden war. Die Entfernung zwischen beiden Orten sei zu groß, als dass die Tiere sie innerhalb von 24 Stunden hätten zurücklegen können. Zudem war die Gruppe vor Northumberland deutlich größer. Nur wenige Tage zuvor hatte bereits eine Gruppe Grindwale in der Themse für Aufsehen gesorgt. Die Tiere waren dort ungewöhnlich weit in den Fluss vorgedrungen und mussten von Einsatzkräften beobachtet beziehungsweise wieder in Richtung offenes Wasser begleitet werden. Nach Angaben von British Divers Marine Life Rescue handelt es sich bei den Walen vor Northumberland jedoch nicht um dieselbe Gruppe. Dagegen sprechen sowohl die deutlich größere Zahl der Tiere vor der nordenglischen Küste als auch die Entfernung zwischen beiden Gebieten: Die Strecke wäre innerhalb des kurzen Zeitraums nach Einschätzung der Organisation nicht realistisch zurückzulegen gewesen.

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