Braschosblog: Promi-Architekt Volkwin Marg und sein Dreimaster „Activ of London“

„Ich glaube ich hab’ ne Macke“

Angesichts des weit gereisten schwarzen Dreimasters mit Rostspuren an der Kette des Wasserstags vor dem Bug, der grün angelaufenen Schiffsglocke und den dicken verzinkten Lüfterhutzen an Deck erscheint die „Activ of London“ eher als eine schwimmende Herberge junger Leute, die mit pädagogischer Betreuung hoffentlich noch auf den richtigen Kurs des Lebens gebracht werden, als eine Yacht.

Stolzes Schiff mit guten Segeleigenschaften. © Activ of London

Stolzes Schiff mit guten Segeleigenschaften. © Activ of London

Die „Activ“ ist seeklar, aber dabei keinesfalls im übertrieben praxisfernen Sinn gepflegt. Wer andauernd Messing oder Bronze putzt, erhält hübsches Hafeninventar statt durch die Ostsee, das Mittelmeer, oder kreuz und quer den Atlantik bis nach Kuba zu pflügen. Da war die „Activ“ nämlich auch schon, zum segeln und Rum zurückschaukeln. Navigare …  äh, ja.

Marg klettert gemeinsam mit seiner dreiköpfigen Crew junger Dänen und eines Engländers in der Takelage herum. Er trägt einen orangenen Bauchgurt, der ihn ziemlich weit oben, bei der Arbeit an den Rahen sichert. Der Weg des Seniors die Wanten hinauf ist steil, führt von der Aussichtsplattform neben dem Eselshaupt weiter die dünne Stenge des Masttopps aufwärts in entsetzlich schwindlige Höhen. Auf dem labberigen Fußpferd hangelt er sich bis zum äußeren Ende der Bramrahe.

Wofür braucht man so viel Schiff?

Während wir danach das vom Segelsetzen an Deck herumliegende Tauwerk aufschießen und an den Nagelbänken rings um die Masten aufhängen, stellt sich die Frage, wozu Marg so viel Schiff, das ganze Geraffel dreier Masten, Stengen, Rahen, Gaffeln, Bäume und gut zehn Meter Klüverbaum zum Segeln braucht.

„Schauen Sie, es gibt moderne Boote, die mit viel weniger Hardware deutlich mehr aus dem bisschen Wind machen, den wir gerade haben.“ Listig blinzelnd sieht der Eigner mich an. „Und nun stellen sie sich doch bitte einmal vor, sie würden in den Alpen Ferien machen. Wo würden sie die Gegend besser begreifen und sich wohler fühlen? In einem topmodernen Wohnmobil mit fließend warm Wasser, Internetzugang, Flachbildschirm und so weiter? Oder in einer traditionellen Berghütte, wo sie zwischendurch noch das Moos zwischen die Balken stopfen müssen?

Im Eis kommt die "Activ" gut zurecht. Dafür wurde sie gebaut. © Activ of London

Im Eis kommt die “Activ” gut zurecht. Dafür wurde sie gebaut. © Activ of London

Die „Activ“ ist das Ergebnis einer langen Entwicklung, das Meer mit kleiner Mannschaft zu befahren. Hier passt bis hin zum farblichen Kanon alles. Ich mag die handwerkliche Stimmigkeit an Bord, den Einklang von Funktion, Form und Anmutung“ schwärmt der Architekt.

Natürlich gibt es auch eine biographische Antwort. „Ich wurde in Danzig in der Nähe des Hafens groß und hab mal gezielt zwei Wochen die Schule geschwänzt, um mir in Ruhe die Schiffe anzugucken. Ich ging morgens pünktlich aus dem Haus und war zur erwarteten Zeit wieder zuhause. Das ging solange gut, bis sich die Schule nach meinem Verbleib erkundigte.“

Diese Prägung wurde in der Jugend mit dem Bau zweier Boote und später in Hamburg mit der Übernahme der holländischen 30 t Tjalk „Fortuna“ Baujahr 1914, später die Galeasse „Marie“ durch den Architekten vertieft. Da war die Gründung des Museumshafens Oevelgönne 1976 mit fünf Gleichgesinnten konsequent.

Wenig später übernimmt Marg, der sich seine Boote entweder selbst gebaut oder der Stimmigkeit halber secondhand gekauft hat, einen ehemaligen Salzfrachter aus der Grönlandfahrt und verwandelt ihn in den Dreimast Bramsegelschoner. „Die vorn angeordneten Rahsegel ziehen das Schiff im Passatwind ausgezeichnet über den Atlantik“ schwärmt Marg.

Achthundert Meter dänische Eiche

Neulich wurden ein Großteil der Beplankung, achthundert Meter dänische Eiche und die Knie der Verbindung vom Rumpf zum Deck ersetzt. Die Betriebskosten des Schiffes dämpft Marg mit der Vercharterung für Törns, Expeditionsreisen oder an Filmgesellschaften. Bei der letzten Moby Dick Verfilmung segelte die „Activ“ als „Peqoud“. Vergangenes Jahr ging es mit Künstlern und Wissenschaftlern in den Nordostgrönländischen König Oscar und Kaiser Franz Josef Fjord. An dieser Reise nahm Marg vorübergehend als Gast an Bord seines vercharterten Schiffes teil.

„Ich glaube ich hab’ ne Macke“ kommentiert der vermutlich diskreteste Großsegler Hamburgs ohne koketten Unterton seine „maritime Verliebtheit“ . Es geht also auch ohne Finkerwerder Fischerhemd Tallship-Gedöns.

Dreimast-Bramsegelschoner „Activ“ ex. „Mona“ ex „Svendborg“, Werft J. Ring Andersen Werft Svendborg, Baujahr 1951, Umbau zum Dreimaster, 1978-80 Länge über Alles 42 m, Länge über Deck 29,40 m, Breite 7,10 m, Tiefgang 3,35 m, Verdrängung circa 400 t, Ballast, 80 t Bleibarren, Segelfläche 640 qm, 6-Zylinder Diesel 250 PS, 4 Kabinen mit jeweils 3 Kojen für 12 Gäste plus Logis für die bis zu sechsköpfige Mannschaft. Törnpläne und Buchung via Anke Litschen bei GMP.

Von Gerkan, Marg und Partner ist ein weltweit tätiges Architekturbüro mit etwa 650 Mitarbeitern. GMP entwirft seit viereinhalb Jahrzehnten vom Stuhl über Einfamilienhäuser, Bahnhöfe, Flughäfen, Theater, Museen, Messe- und Kongresszentren, Konzerthallen, Fußballstadien, Stadtviertel bis hin zu ganzen Städten.

Margs städtebauliches Gutachten „Bauen am Wasser“ aus den siebziger Jahren ist eine Bestandsaufnahme der „amphibischen Stadtstruktur“ Hamburgs und ein nach wie vor lesenswertes Plädoyer zur Besinnung auf die Vorzüge der Hansestadt und ihrer Öffnung zur Elbe hin. 

Wie in Margs zahlreichen Veröffentlichungen zu verfolgen, etwa dem Sammelband „Architektur ist natürlich nicht unpolitisch“, ist neben der „sozialen Güte“ des Bauens die Gestaltung menschlicher Lebensräume als geschichtlich begreifbare Architektur sein großes Thema. Diese sollte in einem gewachsenen, verständlichen Zusammenhang bleiben.

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Erdmann Braschos

Sein Spezialgebiet umfasst Mega-Yachten, Klassiker, Daysailor und Schärenkreuzer. Mehr über Erdmann findest Du hier.
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3 Kommentare zu „Braschosblog: Promi-Architekt Volkwin Marg und sein Dreimaster „Activ of London““

  1. avatar Berliner sagt:

    Wenn der Chef ständig segelt, kann das mit dem Berliner Flughafen ja auch nichts werden 😉

    http://www.tagesspiegel.de/berlin/architekturbuero-gmp-in-der-kritik-grosse-bauten-hohe-kosten/6623128.html

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  2. avatar Backe sagt:

    Ich persönlich mag Schiffe auch lieber als Flughäfen … ;.) Danke, Brascho, für einen weiteren sehr lesenswerten Bericht. (Mehr Bilder wären schön gewesen…)

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  3. avatar Manfred sagt:

    Wow!, mal wieder ne echte Braschos Schreibe. Und informativ dazu.
    Und er treibt sich wohl doch hin-und wieder in diesen Museums Häfen, Kappeln, Oevelgönne usw., herum. Warum auch nicht. Immer einen schönen Hafenspaziergang wert, nachdem man ordentlich durchgeweht wurde auf seiner Eierfeile.
    Auch Danke für den schönen Artikel.

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