Braschosblog: “Best Ager” Mobo Wally Ace für 5,6 Millionen Euro

Coolness Quotient eines Wohnmobils

Die neue Wally Ace mit kompaktem Verdrängerrumpf und pagodenförmigem Aufbau. © Gilles Martin-Raget/Wally

Die neue Wally Ace mit kompaktem Verdrängerrumpf und pagodenförmigem Aufbau. © Gilles Martin-Raget/Wally

Das erste Verdränger-Mobo von Wally ist aufmerksamkeitsstark, gewöhnungsbedürftig und wieder mal ziemlich wally.

Langsam laufende Verdränger sind die weniger coolen Vertreter unter den Motorbooten. Das ist was für Senioren, die im arg euphorisierenden Marketing-Schicksprech neuerdings als best agerbezeichnet werden.

Verdränger, das sind diese schwimmenden Datschen mit Panorama verglastem Wintergarten, der nur selten geöffnet wird, weil es draußen entweder zu heiß oder zu zugig, wahrscheinlich beides gleichzeitig ist. Das Trumm wird im sacklangweiligen Economy Tempo mit sanft plätschernder Bugwelle von ihm gelenkt, während sie nochmal Kaffee nachschenkt.

Zielgruppe, die ungern am Buffet ansteht

Der 26 m lange 100 t Verdränger punktet mit Frühstücksecke auf dem Vorschiff und 128 qm Decksfläche. © Wally

Der 26 m lange 100 t Verdränger punktet mit Frühstücksecke auf dem Vorschiff und 128 qm Decksfläche. © Wally

Tja, so dieselt es sich mit dröger Wellness durch den Ruhestand. Weil das Anbringen und Wegnehmen mobiler Fender zu viel Mühe macht, sind viele dieser Boote mit permanent außenbords hängendem Rundum Fendertauwerk aus dicker, nachgiebiger Ware unterwegs. Das sieht schon mal schiffig aus.

Offenbar gibt es für diese Boote mit dem Coolness Quotienten eines Wohnmobils einen Markt. Zum Beispiel Segler fortgeschrittenen Alters. Sie mögen nach wie vor gerne ablegen, lieben es aber etwas bequemer auf dem Wasser. Und es gibt Motorbootfahrer, die auf die harten Schläge unter den Rumpf, die Gleitfahrt, den Höllenlärm und die erschütternde Spritrechnung gut verzichten können. Es gibt Kreuzfahrer, die ungern am Buffet anstehen.

Bekanntlich macht es nur Sinn ein Produkt für eine Zielgruppe anzubieten, die überhaupt mit dem nötigen Kleingeld existiert. Das war zwar schon immer so, ist heute aber wichtiger denn je.

In der Pagode läßt es sich aushalten. Blick von Backbord nach vorn Richtung Steuerstand  © Toni Meneguzzo/Wally

In der Pagode läßt es sich aushalten. Blick von Backbord nach vorn Richtung Steuerstand © Toni Meneguzzo/Wally

Ein bekannter Werftchef hat das best-ager-Lebensgefühl einmal so beschrieben: “Wir werden heute älter, fühlen uns dabei aber nicht alt, wie wir sind.“ Deshalb müssen die Boote pfiffig und flott daher kommen, auch wenn sie den stolperfreien Gang vom Steuerstand durch die Plicht in den Deckssalon bieten.

Schwimmendes Wohnmobil

Der Markt der schwimmenden Wohnmobile wird variantenreich von amerikanischen, holländischen, skandinavischen und auch deutschen Werften in allen möglichen Stilrichtungen von traditionell über retro bis modern bedient. Vor einigen Jahren präsentierte Svante Domitzlaff ein hierzulande entworfenes und gebautes barkassenartiges Gefährt im markanten, allerdings auch polarisierenden Kanonenbootlook für die Freunde des schöneren Wohnens auf dem Wasser. Dem Alter ihrer Klientel entsprechend setzen holländische wie amerikanische Hersteller auf vertraute, knuffige Formen mit umlaufender Scheuerleiste.

Nach mehrjähriger Beschäftigung mit dem Thema wurde die Wally Ace in die Adria gehoben. Hat Markenfuchs Luca Bassani jetzt die best ager entdeckt? Weil es grad keine new economy gibt, die ihm eine solvente Klientel für abgefahrene Segelyachten oder Spritsäufer der 50 Knoten Plus Range nach Monaco schickt? Muß man sich um den Trendsetter sorgen? Oder wird Bassani als prototypischer silver ager einfach nur älter? Will der jetzt etwa auch schon tuckern?

 Blick auf das Vorschiff mit dem Sideboardartigen Relingsarsatz und der ringsum geschützten Open Air Lobby. © Wally

Blick auf das Vorschiff mit dem Sideboardartigen Relingsarsatz und der ringsum geschützten Open Air Lobby. © Wally

Diese Fragen ergeben sich angesichts des 26 m langen, fast 8 m breiten und recht hochbordigen 100 t Bootes, das Bassani Wally Ace, deutsch Ass, nennt. Äh, stand Wally nicht für Innovation, Agilität, Geschwindigkeit, die neue Leichtigkeit des maritimen Lebens? Und jetzt dieses Trumm hier.

Sideboard als Reling

Der Bug erinnert an Hafenschlepper, die für Bugsierdienste zum ans Kai Drücken riesiger Schiffe genutzt werden. Statt Reling gibt es ein breites, passepartout-artiges Sideboard, ein massives Schanzkleid. Das kennt man schon von Bassanis letzten Segelyachten. Man kann auf diesem Sideboardartigen Rand morgens schön den Kaffee abstellen und abends den Prosecco. Außerdem purzeln die Enkel da nicht über Bord, wenn der best ager gerade mal woanders hin guckt.

Die Wally Ace sieht aus wie eine ziemlich weit vorn abgesägte Megayacht, irgendwie auch wie ein knuffiger Autoscooter. Man kennt diese Spaßmobile vom Jahrmarkt. Macht allerhand mit und verzeiht jeden Rempler. Die Kreation ist aufmerksamkeitsstark und gewöhnungsbedürftig, also ziemlich wally. Sie ist unbedingt in jedem Hafen und in mancher Bucht ein Hin- nach einer Weile möglicherweise aber auch ein Weggucker.

Dennoch lohnt es sich, die Wally Ace näher zu betrachten. Nach Überwindung des ersten Schocks erkennt man pfiffige Lösungen wie den mittschiffs unter der Tendergarage angeordneten Maschinenraum, oder die drei Decks des Volumenmodells. Bassanis Ideen werden meist als vordergründig anders, als lediglich provokant und andersartig unterschätzt. Es steckt auch diesmal wieder mehr hinter dem Design.

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Erdmann Braschos

Sein Spezialgebiet umfasst Mega-Yachten, Klassiker, Daysailor und Schärenkreuzer. Mehr über Erdmann findest Du hier.
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2 Kommentare zu „Braschosblog: “Best Ager” Mobo Wally Ace für 5,6 Millionen Euro“

  1. avatar Klaus sagt:

    Muss das sein? Gibt’s keine Segelboote mehr?

    Heisse Debatte. Was meinst du? Daumen hoch 10 Daumen runter 10

  2. avatar armchairadmiral sagt:

    Flensburger Herbstwoche, J-24 WM, Swan Worldcup und wir müssen uns das ansehen.
    Bitte keine weiteren Bilder!

    Heisse Debatte. Was meinst du? Daumen hoch 8 Daumen runter 8

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