Traumschiff: Wie sich Helmut Fischer seine Schäre tischlerte

Der Vierziger Fischer

Ein Besuch beim Münchener Schreiner- und Bootsbaumeister Helmut Fischer zeigt, was im viel zitierten und leider schon etwas verbrauchten Begriff „Leidenschaft“ steckt.

Helmut Fischer, Schärenkreuzer

Helmut Fischer kann auch ganz gut segeln. Mit seinem zweiten Schärenkreuzerneubau ‘Freya’ segelt er bei Regatten ziemlich vorne © Karl-Peter Hopfner

Es verblüfft mich immer wieder, was angeblich jeden Tag aus und mit Leidenschaft gemacht wird. Pasta, Küchen oder Möbel. Nun, das kann, das wird vielleicht so sein. Aber kann man Geldgeschäfte mit jener Begeisterung erledigen, wie die Deutsche Bank es in ihrem Claim „Leistung aus Leidenschaft“ behauptet? Na, irgendein Spruch muss wohl neben dem Firmennamen stehen.

Vor einer Weile begegnete ich Helmut Fischer, einem Handwerker, dem ich seine Hingabe sofort abkaufte. Fischer wirkt in einem Gewerbegebiet im Münchener Osten wo er hauptberuflich Einbauschränke und Kindermöbel tischlert. Er machte einen zufriedenen Eindruck. Denn er hatte nebenher, also dann, wenn andere Feierabend machen, in der ersten Etage seiner Werkstatt einen 40 Quadratmeter Schärenkreuzer gebaut. Und weil Fischer keiner aus der Abteilung still sondern richtig still ist und dazu noch ein gnadenloser Durchzieher, hatte er das Projekt in zwei Jahren allein geschafft.

Er hatte Pressholz-Schablonen für die Rumpfform ausgesägt, sie als Mallen aufgestellt, mit Mahagonileisten beplankt und die Schale dann mit einem Hebezug gedreht. Er hatte den Rumpf mit 170 Spanten versteift, ein Deck und eine Kajüte drauf gebaut, den Kiel, die Beschläge und den gepeitschten Mast dazu natürlich auch.

4000 Stunden Einhand

Etwas Hilfe hatte der Einhand-Bootsbauer natürlich schon bekommen. Als das fast fertige Boot durch die ausgebaute Front seiner Werkstatt nach draußen und eine Etage tiefer musste, gab es Leute die mit anpackten und einen Kran vor dem Haus. Im Prinzip ist so ein Tropenholztorpedo wie ein Kanu – aber gut 14 Meter lang und keine zwei Meter Breit. Nach vier Tausend Stunden Arbeit war „Aphrodite“, der Neubau einer Gustav Estlander Konstruktion von 1924, fertig.

Abgefahrener als die Tatsache, dass er das alles nebenher gestemmt hatte, fand ich die Art, wie Fischer davon erzählte. Er berichtete so bescheiden und zurückhaltend davon, als hätte er grade mal bei einem Kunden mit ein paar Handgriffen das Scharnier einer Schranktüre justiert.

Trend zur Zweitschäre

Dann stiegen wir ins Auto. Am Starnberger See wollte Fischer mir sein Boot zeigen. Kein einfaches Unterfangen, denn München ist an neuralgischen Punkten eine Großbaustelle, für deren Passage es Geduld und beinahe einen Geländewagen braucht. Wir kurvten durch Ramersdorf, schoben im Stopp and Go die Chiemgaustraße runter. Wir querten die Isar. Tja, und im Gewühl des Luise-Kiesselbach-Platzes wäre der Ausflug zum Boot beinahe zu Ende gewesen.

In Kenntnis des gefährlichen Sogs dieses Bootstyps hatte ich die Neigung zur Bereederung dieser grazilen Klassiker erwähnt. Ich kenne von Interviews in der halben Welt mehrere Segler, die mindestens noch einen zweiten Schärenkreuzer brauchen. Fischer hatte eine Weile geschwiegen. Dann meinte er. „Ich verrate ihnen jetzt was, aber es muss vorerst unter uns bleiben. Ich hab noch einen gebaut, etwas länger. Steht daheim im Schuppen.“

Der Wagen rollte gerade auf den Stau des Luise-Kiesselbach-Platz zu, als er ergänzte, dieses zweite Boot hätte bei ihm zuhause leider zu einigen Diskussionen mit schmerzlichen Folgen für sein Privatleben geführt. Das überraschte mich nicht. Und dann sagte dieser zurückhaltende Mann im angenehmen bayrischen Timbre wörtlich: „Ich glaub’ meine Frau hat gerade eine midlife crisis“.

Verdrehte Tatsachen

Diese naheliegende aber zugleich sonnenklare Verdrehung der Tatsachen ließ mich unaufmerksam am Straßenverkehr teilnehmen. Ich rang um Fassung, vergaß beinahe das Bremsen, kriegte den Wagen aber gerade noch rechtzeitig zum stehen. Ich holte tief Luft und schwieg, wie der Helmut Fischer auf dem Beifahrersitz.

Wir sind dann wunderbar segeln gegangen. Noch schöner als die „Aphrodite“ an ihrem Bojen-Liegeplatz auf dem Starnberger See schweben zu sehen ist es, dieses agile Boot zu segeln. Ein exquisiter, sensibler Genuss wie ihn sonst nur moderne Cupper bieten.

Als wir gegen Abend wieder ins Gewerbegebiet in den Münchener Osten zurück kehrten öffnete Fischer das Tor eines Schuppens in der Nachbarschaft. Da ragte der Bug eines fast 15 Meter langen, maronenbraunen Torpedos über den Hänger. Der Bootsbauer der “Freya“, dem irgendwann offensichtlich die Gäule durchgegangen war, stand mit stillem Stolz daneben.

Der Vierziger-Fischer

Warum ich das alles erzähle? Also erstens wollte ich mal daran erinnern, was Leidenschaft ist. Das ist kein alberner, seines Inhaltes beraubter Claim. Das ist kein läppisches Gefühlchen. Der Vierziger-Fischer aus dem Osten der bayerischen Landeshauptstadt lebt die Passion für sein Handwerk, für eine hinreißend schöne, nein die schönste Bootsklasse überhaupt. Einmal 4000 Stunden solo und dann, weil diese Boote so schön sind, nochmal 4000 Stunden. Alles einhand, während die Frau daheim den Föhn kriegt.

Zweitens wird es Zeit, dass jemand mal die „Aphrodite“ kauft. Dann könnte der Vierziger-Fischer – endlich – wieder in der ersten Etage seiner Werkstatt die Ärmel hochkrempeln. Ständig diese bayrischen Essecken, Küchenmöbel und Einbauschränke, ab und zu mal ein paar Reparaturen, Masten und laufende Jobs rings ums Boot mögen ja ganz schön sein. Solche Aufgaben füllen einen stillen Durchzieher wie den Helmut Fischer auf Dauer doch nicht aus.

 

Schärenkreuzer Aphrodite G 54

Konstruktion: Gustav A. Estlander 1923
Länge: 14,33 m
Wasserlinie: 9,60 m
Überhang vorne: 2,35 m
Überhang achtern: 2,35 m
Breite: 1,79 m
Tiefgang: 1,60 m
Rumpf: 20 mm Kaja über lamellierten Eschenspanten
Deck: Teak auf Sperrholz
gepeitschter Spruce Mast
Das Boot kostet segelfertig 200.000 Euro
Kontakt: Bootsbaumeister Helmut Fischer , Am Moosfeld 23, 81829 München

 

Schärenkreuzer Freya G 56

Konstruktion: Gustav A. Estlander 1924
Länge: 14,83 m
Wasserlinie: 9,90 m
Überhang vorne: 2,45 m
Überhang achtern: 2,43 m
Breite: 1,79 m
Breite WL: 1,60 m
Tiefgang: 1,57 m
Verdrängung: knapp unter 3 t
Rumpf: 20 mm Kaja über lamellierten Eschenspanten
Deck: Teak auf Sperrholz
Gepeitschter Spruce Mast
Vermessene/nominelle Segelfläche (Großsegel plus 85 % Vorsegeldreieck): 40 qm
Großsegel: 29 qm
Genua: 25 qm
Fock: 15 qm
Spinnaker klein: 85 qm
Spinnaker groß: 100 qm

Geschichte der 40er Schärenkreuzer

Die historischen Vierziger waren Kompositbauten mit jedem dritten Spant aus Stahl. Anstelle der herkömmlich geplankten Bauweise entstand der Neubau aus etwa halb so breiten, 23 mm starken Epoxidharz verklebten Mahagonileisten. Das ergibt eine verwindungsarme Schale, die mit 85 Spanten aus mehrschichtig lamellierter Esche (mittschiffs 31 x 31 mm) ausgesteift ist. Die Bauweise vermeidet die Nachteile gammelnder Metall-Holzverbindungen. Die Kapselung des Holzes in Epoxidharz erspart dem Segler im Frühjahr das lästige Wässern.

Der finnische Architekt und erfolgreiche Regattasegler Gustav A. Estlander (1876 bis 1930) konzentrierte sich 1914 auf die Yachtkonstruktion und setzte bei den Schärenkreuzern konsequent auf die Länge. 1921 bis 23 gehörte ihm die Papst Werft in Berlin Köpenick, damals der maßgebliche Rivale von Abeking & Rasmussen in dieser Klasse. Sein Konstruktionsbüro wurde von Knud H. Reimers übernommen.

Heute segeln am Starnberger See etwa zwanzig 40er Schärenkreuzer. Die Flotte ist Hinterlassenschaft eines fünfjährigen Hypes Anfang der zwanziger Jahre. Damals zeichneten namhafte Konstrukteure und Bootsbauer wie Estlander, Wilhelm von Hacht, Max Oertz oder Henry Rasmussen ebenso wie Harmsen, Heidtmann, Neesen oder Wustrau für norddeutsche und Berliner Eigner nach den zur Saison 1920 überarbeiteten Bauvorschriften. Damals wurde im 40er vor Antwerpen sogar olympisch gesegelt. 1921 bis 25 entstanden im Deutschen Reich 48 Boote dieses Typs. Sie wurden Rennkreuzer genannt und führten ein „R“ als Klassenzeichen.

Der schnelle Daysailer mit Schlupfkajüte passte gut ins geschützte Revier der Berliner Seen. Er war leicht, günstig zu bauen, vertrug viel Wind und machte beim sonntäglichen Flanier- und Promenadensegeln was her. Die Änderung der Schärenkreuzer-Bauvorschriften von 1925 führte zur Stagnation der Klasse. Heute segelt die Flotte in Bayern, meist auf dem Starnberger See, wo seit 1997 die Deutsche 40 qm Schärenkreuzer Klassenvereinigung besteht.

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Erdmann Braschos

Sein Spezialgebiet umfasst Mega-Yachten, Klassiker, Daysailor und Schärenkreuzer. Mehr über Erdmann findest Du hier.
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9 Kommentare zu „Traumschiff: Wie sich Helmut Fischer seine Schäre tischlerte“

  1. avatar Martin K. sagt:

    Einfach klasse geschrieben! Mehr davon!

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  2. Toller Bericht, toller Typ, wunderschöne Schiffe!
    Liebe Grüße!

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  3. avatar guido sagt:

    herrlich, wenn er langeweile hat….., hätte da ne baustelle 🙂 anzubieten,

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  4. avatar Manfred sagt:

    WOW! Klasse geschrieben. Und auch wieder der Beweis, das Leidenschaft auch Leiden schafft. Zumindest wenn man dem Spruch der DB vertraut.

    Hach, Erdmann… hätte ich nicht, dann könnte ich jetzt. Du hast ja recht, wer braucht schon ne Dusche und ne Sprayhood…

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  5. avatar Tim sagt:

    Lieber Herr Braschos…..wann lernen Sie das mal; Boote werden nicht getischlerte, Boote werden gebaut.
    Tischler oder Schreiner tischlern aber Bootsbauer bauen. Die Arbeit eines Bootsbauern als Tischlern zu bezeichnen, ist eine Beleidung. Jesus war Tischler…und Noa??? Wer hat überlebt!?

    Heisse Debatte. Was meinst du? Daumen hoch 7 Daumen runter 7

    • avatar Girdler-Sulfid-Prozess sagt:

      Du hättest Deinen Kommentar bei “…Bootsbauer bauen.” enden lassen sollen.
      Ein Bootsbauer

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  6. avatar Erdmann sagt:

    … soweit ich informiert bin der Tischler, obwohl er keine Boote gebaut hat.

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  7. avatar Jan-X sagt:

    Vielleicht warten wir mit dem Kauf mal besser, bis die Sache mit seiner Frau geklärt ist. Auf die eine oder andere Art. Hoffentlich die bessere. S’is aber auch echt schwer sich zu entscheiden, manchmal.

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  8. avatar Marina sagt:

    SEHR schön geschrieben!!! Auch für Laien sehr interessant! Danke für den tollen Artikel!

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