J Class “Reliance”: Das legendäre 61 Meter Monster mit 1500qm am Wind Segelfläche

Furchterregende Kreation für 64-Köpfige Crew

Der 61 m lange America’s Cup Verteidiger „Reliance“ wird wieder gebaut, als Modell. Das ist gut so. Im Gespräch war auch einmal die Wahnsinnsidee einer Replik.

Shamrock und Reliance

Die etwas kleinere “Shamrock III” (r.) hatte gegen die durchweg führende und von Charles Barr souverän gesegelte Reliance beim America’s Cup keine Chance. © Collection of the Herreshoff Maritime Museum

Abstrakt und mit dem gebotenen Abstand betrachtet ist der seit 1 ½ Jahrhunderten ausgesegelte America’s Cup eine Geschichte der Monstrositäten, die das Gute und Schlechte des Menschen in mikroskopischer Vergrößerung zeigt.

Umso interessanter ist der AC segeltechnisch. Seit jeher bringt er yachtbaulich außerordentliche, spezielle bis seltsame Boote hervor: Eintagsfliegen, smart soeben noch im legalen Fahrwasser bleibende Konstruktionen wie Michael Fays 36 m Leichtwind-Ohrenboot, 1988 von Dennis Conners überlegenem Kat düpiert, die Sonderkonstruktionen der entfesselten Oracle-Alinghi Hardwareschlacht vor Valencia 2010 bis hin zu den aktuellen tiefflugfähigen, richtig schnellen wie gefährlichen Kats.

Eintagsfliege Reliance

Aus dieser nicht eben ereignisarmen geschweige denn langweiligen Geschichte ragt bis heute ein Boot heraus: die „Reliance“ von Anno 1903. Sie war die amerikanische Antwort auf die erneute Herausforderung durch den zwei Jahre zuvor unterlegenen Sir Thomas Lipton. Der wollte es mit der dritten Shamrock nochmal wissen.

Lipton hatte sich vorab vergewissert, das der America’s Cup wieder gemäß der amerikanischen Seawanhaka Rule und mit 90 Fuß maximaler Wasserlinie ausgesegelt würde.

Als er dann im August 1902 von seinem Segelclub den Brief mit der Herausforderung abschicken ließ, beschäftigten sich Spezialisten wie William Fife und G.L. Watson bereits seit sieben Monaten mit dem neuen Boot. Lipton hatte auf Vorsprung durch Vorbereitung und eine kurzfristige Herausforderung gesetzt.

 64-köpfige Crew

„Reliance“ war eine furchterregende, gefährliche Kreation und bis heute eines der interessantesten Segelspielzeuge, das der America’s Cup hervorgebracht hat. Nicht nur für die Engländer, die mit deklassierendem Rückstand vor New York von diesem Boot in ihre Schranken gewiesen wurden, sondern auch für die überwiegend norwegische Besatzung im Format von fünfeinhalb Fußballmannschaften, welche den Giganten segelte.

Er trug 1.500 qm an einem einzigen, an Deck 66 cm dicken Stahlmast und war raumschots mit einer Spannweite von 50 bis 60 m unterwegs. Ihr Großbaum war so lang wie Michael Fays Leichtwindmonster für San Diego 1988. Ihr Spinnakerbaum war so lang wie ein moderner Maxi. Ihre Gaffel war so lang wie die aktuellen 72-Kats für San Francisco.

Nach einem Segeltag in bewegtem Wasser rückte eine Gang Herreshoffscher Bootsbauer zum Ausbeulen der dem Rumpf vom Wasserschlag zugefügten Dellen an. Sie konnten ihre Arbeit zügig erledigen, denn Reliance war unter Deck praktisch leer. Sie war wie die Brooklyn Bridge oder der Eiffelturm eine nüchterne Maschine. Sie erfüllte die ihr zugedachte Funktion.

62.000 Nieten

Aus heutiger Zeit erscheint die Tatsache, dass es den Herreshoffschen Bootsbauern binnen drei Monaten gelungen war, angeblich 62.000 Nieten durch die Bohrungen zu schieben und flach zu klopfen bemerkenswerter als die vielen Nieten selbst. Wem diese Zahl hoch erscheint: In den letzten Windjammern steckten 200 bis 500 Tausend Nieten, in der Titanic etwa 3 Millionen.

Konstrukteur Nathanael Herreshoff hatte die erneute Herausforderung  ernst genommen und einen Renner mit maximaler Wasserlinie entworfen und ihm zugleich mit 16 Metern Überhang reichlich Spoiler zum Strecken der effektiven Wasserlinie mit gegeben.

Die Überhänge des scow-artigen Bootskörpers waren so flach aus dem Wasser gehoben, das wenig Wind genügte. Die absehbaren Bedingungen im Spätsommer 1903 vor New York ähnelten denen vor Valencia im Februar 2010.

Extremes Rigg

Damit „Reliance“ (deutsch „Vertrauen“) bei den erwartet leichten Winden gut laufen würde, hatte Herreshoff das Gefährt generös “motorisiert”. Der das Deck deutlich überragende Klüver- und Großbaum streckte die Segelbasis und damit die sogenannte „spreaded lenght“ auf mehr als das doppelte der maximal zulässigen Wasserlinie, 61 Meter. So lang war Jahrzehnte später die letzte Generation der Rennschoner. Die Leichtwindflunder war mit einer Segeltragezahl von 7 unterwegs und auf eine leichte Brise angewiesen, um heil über die Runden zu kommen. Der seglerische Ernstfall trat bei drei Windstärken ein. „Reliance“ bei Wind zu segeln war kühn.

Sieht man sich die Pläne und Eckdaten von Liptons „Shamrock III“ näher an, wird deutlich: die schottischen Konstrukteure und Bootsbauer hatten auf ein ähnliches Konzept gesetzt, es aber nicht so konsequent ausgeführt. Der Herausforderer war bei ebenfalls maximaler Wasserlinie insgesamt kürzer und mit etwa 200 qm weniger Tuch unterwegs.

Ein extremes Gefährt wie „Reliance“ hätten die Briten unmöglich über den wetterwendischen Nordatlantik mit starkem Westwind und entsprechendem Seegang auf eigenem Kiel von der alten zur neuen Welt überführen können. Das war gemäß damaligem Reglement nötig. „Reliance“ musste lediglich die Probeschläge im Sommer und wenige Regatten bei absehbar leichten Winden im Spätsommer vor New York für sich entscheiden.

Cornelius Vanderbilt meinte damals: „Sie können das Boot gerne als „freak“ oder wie sie mögen bezeichnen. Doch können wir uns nicht beschränken, selbst wenn das Boot am Tag nach der Regatta nur noch als Schrott ist.“ So viel zum wahrgenommenen Heimvorteil des Pokalverteidigers beim America’s Cup.

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Erdmann Braschos

Sein Spezialgebiet umfasst Mega-Yachten, Klassiker, Daysailor und Schärenkreuzer. Mehr über Erdmann findest Du hier.
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Ein Kommentar „J Class “Reliance”: Das legendäre 61 Meter Monster mit 1500qm am Wind Segelfläche“

  1. avatar Jan sagt:

    Netter Artikel. Aber bitte streicht aus dem Header den Terminus “J-Class”. Die “Reliance” war – wie im Text korrekt dargestellt – keine J-Class. Diese wurden erst ab 1930 und bis 1937 im America’s Cup gesegelt.

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