Solitaire du Figaro: Irischer Sieg, irres Talent – ex Malizia-Segler Berrehar und Lunven zurück im Zirkus

Charakterbildungsmaßnahme

Der Ire Tom Dolan (39) gewinnt die erste Etappe der Solitaire du Figaro. Dahinter zeigen Berrehar und Lunven, warum selbst gestandene IMOCA-Leute zurück in diesen Einheitszirkus kommen: Nirgends wird Offshore-Handwerk härter, enger und ehrlicher geprüft. Und dann ist da noch Tom Goron, 20 Jahre jung, kurz nach dem Start Letzter – und am Ende wieder mitten im Spiel.

Es gibt bei Hochseeregatten eine mitunter als grausam empfundene Erziehungsregel: Wer meint, das Meer habe einen Lebenslauf zu respektieren, braucht gar nicht erst an den Start zu gehen. Mini-Transat oder gar IMOCA-Erfahrung? Ganz nett, aber kein Garant für Spitzenergebnisse.

Vendée-Globe-Ruhm? Kann hilfreich sein, muss aber nicht. Ocean Race-Erfahrung? Auch okay, aber Einhandsegeln ist ein anderer Sport. Auf der Solitaire du Figaro, dieser französischen Einhand-Etappen-Veranstaltung, von Insidern als „Charakterbildungsmaßnahme“ oder „Charakterschule“ treffend bezeichnet, wird nicht gefragt, aus welchem Zirkus man gerade kommt. Sondern nur, was man nach der nächsten Halse daraus macht.

Dolan setzt erste Zeichen

Die erste Etappe der aktuell laufenden Solitaire du Figaro Paprec ist beendet – oder genauer: sportlich entschieden, weil die Wettfahrtleitung den Kurs wegen einer großen Flautenzone entlang der spanischen Küste verkürzt hat. Statt der offiziellen Ankunft vor der spanischen Hafenstadt Vigo zählte eine virtuelle Linie vor Kap Finisterre.

Tom Dolan auf Kingspan gewann diese erste Etappe. Er segelte heute Morgen um 6:51:36 Uhr nach 3:20:21 Tagen über die Ziellinie Die Nacht zuvor war nach seinen Aussagen „irre“ und passte ganz offensichtlich dem Iren bis ins kleinste Detail: Er schüttelte seine direkten Gegner durch geschicktes Positionieren und Wenden beim kleinsten Winddreher regelrecht ab.

Tom Dolan – die neue/alte „sichere Bank“ der Solitaire © solitaire du figaro

Dolan ist damit zurück auf der Solitaire-Landkarte. Im Vorjahr hatte er als Titelverteidiger nach dem Sieg 2024 nach dem er mit  Jérémie Beyou auch IMOCA-Erfahrung sammeln durfte, ausgerechnet auf dem Weg nach Vigo verletzt aufgeben müssen. Nun sagte er nach dem Zieleinlauf, die Zähler seien wieder auf null, er könne in Vigo erneut Urlaub machen, der simple Anblick dieses Namens nerve ihn nicht mehr.

Entscheidend sei gewesen, dem zuvor erarbeiteten Wetter- und Routingplan während der ersten zwei Drittel der Etappe zu folgen. Später habe man in der Flautenzone nur noch die Nerven behalten müssen. Das hört sich ein wenig nach typischem Dolan-Understatement an (und ist bestimmt auch so gedacht), doch ohne Zweifel gilt: Der Ire hat sich im Figaro-Zirkus mit diesem Sieg in der längsten Etappe der diesjährigen Ausgabe eindrucksvoll zurückgemeldet. Sein Favoritenstatus für den Gesamtsieg – wenn er auch noch nichts davon wissen will – wurde robust untermauert.

„Schon“ auf Rang zwei und Rang fünf: zwei Gesichter aus der IMOCA-Fraktion. Loïs Berrehar und Nicolas Lunven gehören zu jenen Seglern, die den Figaro-Circuit nicht als romantische Erinnerung der vorangegangenen Jahre betrachten, sondern als das, was er ist: ein Trainingslabor für die Schärfung aller Offshore-Instinkte.

Einmal Figarist, immer Figarist

Berrehar hatte die Etappe stark eröffnet. Beim Küstenkurs vor Perros-Guirec gewann er den Trophée Paprec, also die erste kleine Wertung vor dem eigentlichen Sprung hinaus in die See. Später führte er auch am britischen Wolf Rock, dem berüchtigten Felsen vor Cornwall/England, das Feld an. Wenn ihm auch die Meute im Prinzip permanent im Nacken saß. Wer einen Blick zurück auf den Tracker wirft wird unschwer erkennen, dass die immer wieder betonte Homogenität bei den Figaro-Regatten kein PR-Geschwätz ist. Sondern harte Realität für die Segler und Spannung für die Couch-Potatoes zu Hause am Tracker.

Berrehars Weg zeigt, warum die Solitaire du Figaro in Frankreich seit Jahrzehnten ein verlässlicher Türöffner für die großen Boote wie IMOCA und Ultim und die ganz großen Abenteuer rund um die Welt ist. Sein zweiter Gesamtrang bei der Solitaire 2024 – hinter Dolan – öffnete ihm den Weg ins IMOCA-Projekt von Banque Populaire; zuvor war er auch schon im Umfeld von Boris Herrmanns Malizia-Team unterwegs.

Warum also wieder Figaro? Weil man auf diesen Booten die Reaktionen schult, die später auf 60 Fuß über Sieg oder Niederlage entscheiden: Schlafmanagement, Wettergefühl, Bootsspeed, Positionskampf, innere Ruhe durch gefestigtes Selbstvertrauen. Deshalb wollte auch Yoann Richomme, der Vendée-Globe-Zweite während der Wartezeit auf seinen neuen IMOCA bei dieser Regatta wieder an den Start gehen. Er musste aber wegen mehrerer beim Figaro3-Segeln erlittener Rippenbrüche kurz vor dem Start passen.

Am Anfang war’s kernig © solitaire

Sieger Dolan brachte die alte Rivalität mit Berrehar nach dem Zieleinlauf in einem der ersten Interviews schön auf den Punkt. Er und Berrehar seien schon 2018 im Rookie-Klassement Rivalen gewesen und hätten sich seitdem kaum aus den Augen verloren. Dieses Mal sei er vorn, beim nächsten Mal vielleicht wieder Berrehar. Was man aus diesen Worten zudem heraushören kann: „Der Mann bleibt ein Figarist, auch wenn er mittlerweile auf den IMOCAs unterwegs ist“.

Nicolas Lunven (Rang 5 bei dieser ersten Etappe) ist das andere bekannte Gesicht dieser Szene. Der frühere Malizia-Navigator, zweimaliger Solitaire-Sieger von 2009 und 2017, hat gerade erst zusammen mit Tom Goron (von ihm später mehr) auf PRB die Trophée Banque Populaire Grand Ouest gewonnen.

 

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Ein Kommentar zu „Solitaire du Figaro: Irischer Sieg, irres Talent – ex Malizia-Segler Berrehar und Lunven zurück im Zirkus“

  1. jorgo

    sagt:

    Man wünschte sich einen deutschen ambitionierten Segler am Start – um die etwaige Chance auf einen Vendee-Globe-Sieg mit Leben zu füllen.

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