Mastbruch vor dem Ziel: Sébastien Simon erklärt Drama – Ärger über Material-Qualität

"Er hätte mich fast gerammt"

Unglücksrabe Sébastien Simon trieb ohne Rigg über die Ziellinie der Retour à La Base und erläutert nun, wie es nur 15 Meilen vor dem Ende dazu kommen konnte. Auch Boris Herrmann muss sich Sorgen machen.

Sebastien Simon stellt sich im Hafen von Lorient den Fragen. © PIERRE BOURAS / RETOUR À LA BASE

Es passierte bei der letzten Halse. Sébastien Simon (33) war nach fast zweitägigem Reparaturstopp auf den Azoren im Begriff, sich vom 21. Platz noch auf den 16. vorzuschieben. Arnaud Boissières tauchte kurz vor der Ziellinie mit Sam Davies altem Foiler auf. Simon erklärt bei Ouest France, dass er sich auf einem Kollisionskurs befand.

Er habe ihn über Funk gerufen – aber offenbar nicht erreicht. “Er hätte mich fast gerammt”, sagt Simon. “Dabei hatte er keine Vorfahrt. Ich bin mit einer groben Kursänderung ausgewichen. Das war verrückt!”

Ein enttäuschter Skipper nach dem Mastbruch bei der Retour à La Base. © PIERRE BOURAS / RETOUR À LA BASE

Ursächlich für den Mastbruch war dieser Schlenker aber wohl nicht. Erst eine Viertelstunde später folgte seine Halse Richtung Ziel. Ein Standard-Manöver – auch bei 24 Knoten Wind – und es habe dabei eigentlich kein Problem gegeben. Aber beim Ansetzen des neuen Backstags in Luv sei ein fieses Knacken zu hören gewesen. Dann fiel der Mast. Er brach in der Mitte.

Etwa die Hälfte des Großsegels mit Baum und unterem Mastbruchstück habe noch an Deck gelegen. Ein Teil hing über den Lee-Foil. Simon sagt, er habe über das Großsegel nach vorne klettern müssen, als er einen besonderen Schreckmoment erlebte. Der Wind griff immer wieder unter das Tuch und blähte es so stark auf, dass er mit seinem Gewicht von nicht weit über 60 Kilogramm hochgehoben wurde.

Der Ort des Unglücks. Gerade ist Arnaud Boissières knapp voraus passiert.

Aber er kämpfte sich, mit einem Messer bewaffnet nach vorne und begann damit, das Boot von den Trümmern zu befreien. Das Vorgehen ist ihm noch gut bekannt. Kaum sieben Monate ist es her, dass er sich bei The Ocean Race auf Guyot mit Robert Stanjek und Benjamin Dutreux in der gleichen Lage befand. 800 Meilen vor dem Ziel in Newport brach der Mast.

Simons Unglücksmoment im Mai 2023 bei The Ocean Race mit Guyot: Skipper Ben Dutreux schneidet nach dem Mastbruch ein Stag ab.

Doch damals arbeitete ein fünfköpfiges Team mit vereinten Kräften an der Sicherung des Bootes. Umso erstaunlicher ist es, dass Simon nun die Situation im Alleingang bewältigen konnte. Er benötigte nur zwei Stunden dafür, ein Notrigg zu stellen.

Mit einem am Bug montierten Hebel und Flaschenzug stellte er den 7 Meter langen Großbaum senkrecht auf. Daran konnte er ein kleines Segel setzen, mit dem er vor dem Wind die letzten zehn Meilen zum Ziel absolvierte. Er selbst sei auch erstaunt, wie schnell ihm das Sichern der Situation von der Hand ging.

Mit vereinten Kräften holen Stanjek und Simon beim TOR den kaputten Spi an Bord. © Charles Drapeau / GUYOT environnement – Team Europe

Dabei hatte der junge Franzose bei dieser Regatta schon körperlich einiges durchzustehen. Er segelte zuletzt mit Kopf- und Rückenschmerzen. Eine große Wunde an der Stirn zeugt von der Ursache. Bei einem heftigen Sturz unter Deck war er einige Stunden weggetreten, um dann in einer Blutlache wieder aufzuwachen. “Es waren abscheuliche Bilder”, schildert er an Land. Er habe seinen Überlebensinstinkt aktiviert, Fotos von der Wunde gemacht und sie der Teammanagerin geschickt. Sie stellte einen Kontakt zum Arzt her und Simon begann damit, sich im schweren Wellengang mit einem Hautklammergerät den Kopf zu tackern.

Er nennt es “den De Broc machen”. Damit ist die legendäre Story von Vendée-Globe-Segler Bertrand de Broc gemeint, als dieser sich 1992 bei der Einhand-Weltumsegelung schwer die Zunge verletzte. Unter der Audio-Anweisung eines Arztes nähte er sich kopfüber vor einem Spiegel die Zunge selbst wieder zusammen.

Simons neuer Renner gehört zu den schnellsten der IMOCA-Flotte. © Groupe Dubreuil

Von solchen Helden- und Überlebensgeschichten hat Simon nun allerdings erst einmal genug. Er möchte endlich mal wieder ins Ziel kommen. Gute Momente zeigte er bei seinen jüngsten großen IMOCA-Auftritten öfters. Als er die Vendée Globe 2020 nach einer Kollision mit Foilschaden beenden musste, hatte er auf Rang vier gelegen. Bei der Transat Jacques Vabre lag Simon im November nach Meinung von Boris Herrmann sogar auf Siegkurs, bevor das Großsegel riss.

Der Mann, der 2018 Solitaire du Figaro für sich entscheiden konnte, ist aber überzeugt davon, dass noch etwas Großes wartet. Noch fühle er sich nicht ganz bereit für die Einhand-Strapazen. Er benötige noch ein wenig mentale Vorbereitung. Aber er spüre, dass er wieder auf sein höchstes Niveau kommen kann. “Ich hoffe, dass der nächste Schritt vielversprechender ist und dass man mir weiterhin vertraut. Denn das Boot hat ein tolles Potenzial.” Kein Wunder: Es handelt sich um das Siegerboot von The Ocean Race.

“Morsche Masten”

Der neuerliche Mastbruch wirft allerdings viele Fragen auf, die auch Boris Herrmann stellen muss. Denn bei dem Rigg handelt es sich um von allen Skippern verpflichtend zu benutzendes Onedesign-Material. Und in dieser Saison gab es bei den IMOCA schon sieben Schäden.

Simon ist fast froh, dass das Rigg jetzt von oben kam. “Sonst wäre es nächstes Jahr gefallen. Wir müssen etwas unternehmen. Es kann nicht sein, dass man mit so unglaublichen Booten und einem enormen Potenzial segelt und mit diesen morschen Masten weitermacht.”

© PIERRE BOURAS / RETOUR À LA BASE

Eine ähnliche Bruch-Quote gab es zuletzt vor mehr als zehn Jahren. Damals gehörte es zu den wichtigsten Aufgaben der Konstrukteure, ein leistungsfähiges Rigg zu konzipieren. Man ging an die Grenzen – und darüber hinaus. Deshalb wurde 2013 beschlossen, einheitliche Riggs und auch Kiele vorzuschreiben. Damit bekam man die Ausfallquote auch immer besser in den Griff.

Inzwischen hat sich die Leistungsfähigkeit der neuen Foiler allerdings so sehr erhöht, dass die Lastspitzen größer werden, wenn etwa ein Schiff in der Welle abstoppt. Nach den jüngsten Vorfällen – zuletzt dem Mastbruch von Nicolas Troussel, der ihn sogar den Sponsor für die Vendée Globe kostete – gibt es offenbar Empfehlungen der IMOCA-Klasse, wie der Mast verstärkt werden kann.

Helm aufsetzen und gut festhalten

Simon erklärt, dass er diese Pläne trotz mehrfacher Anfragen nicht erhalten habe. Er musste darauf hoffen, dass die in Genua nach dem Ziel von The Ocean Race und vor dem Verkauf von 11th Hour positiv verlaufenen Untersuchungen ausreichen würden. Aber zwei weitere Transatlantikrennen nach der Weltumsegelung waren für das Material offenbar zu viel.

“Dieser Masttyp ist nicht für das geeignet, was wir heute machen”, sagt Simon weiter. “Wir segeln Boote, die auf 37 Knoten beschleunigen. Man muss den Helm aufsetzen und sich gut festhalten.” Denn irgendwann kommt der abrupte Stopp.

Die ersten Masten wurden Anfang 2015 vom einzigen lizenzierten Hersteller Lorima in Lorient ausgeliefert. So alt ist also das Design. Deshalb stellten die Klassen-Mitglieder zuletzt häufiger die Frage, ob vor der nächsten Vendée Globe ein Update des Riggs geplante ist.

Klassenpräsident Antoine Mermod erteilte diesem Wunsch aber schon eine Absage. Vor 2025 werde es keine große Veränderung geben. Erst danach sollen Masten mit deutlich höheren Sicherheitskoeffizienten möglicherweise von zwei Herstellern gebaut werden. Schließlich gab es zuletzt einen Engpass bei lieferbaren Ersatzmasten.

Er gibt auch zu bedenken, dass einige Mastbrüche wie bei Holcim – PRB und Guyot während The Ocean Race eher eine Folge von Materialfehlern bei der Verbindung zwischen J2-Stag und Mast gewesen seien.

Sebastien Simon wird damit nicht zufrieden sein. Sein Bruch hat damit offenbar nichts zu tun. Und auch andere Skipper werden immer öfter kritisch nach oben blicken, wenn sie mit ihrem IMOCA unterwegs sind.

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Carsten Kemmling

Der Mann von der vordersten Front. Mehr zu ihm findest Du hier.

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