Bootsbau Inside: Warum die “Hetairos”-Kollision glimpflich verlief. Das Geheimnis des Crash-Box-Kiels der Superyacht

Kielbombe mit Knautschzone

Crashbox-Simulation. Die Nase der Kielbombe bohrt sich mit unterschiedlichem Speed in das Hindernis und... © Smart CAE

67 Meter lange Traumyacht "Hetairos" von Otto Happel. Die Kieloberkante ist unter dem Esstisch zwischen vorderem Aufbau und Großmast versteckt. © Baltic Yachts

Das Problem schlanker Boote wie der über Deck 60 Meter langen, ganze 10,5 Meter breiten Riesenketsch „Hetairos“ ist es, die 1.700 Quadratmeter Segelfläche möglichst aufrecht am Wind zu halten. Denn der Vorteil ihrer sich aus 50 Metern Konstruktionswasserlinienlänge ergebenden Geschwindigkeit am oder bei halbem Wind kommt erst bei einer gewissen Steifigkeit zur Geltung.

Der vielbeachtete, aber etwas rank geratene Dreimaster „Maltese Falcon“ beispielsweise kommt bei solchen Kursen recht früh an seine Grenzen. Das 88 Meter lange, knapp 13 m breite 1.250 Tonnen Stahlschiff zieht zeitig seine Schanz durch das Wasser, und dann heißt es Tuch einpacken. Erfreulicherweise geht das mit dem modernen Rahsegler-Rigg ganz gut.

Neigekiel wäre ideale Lösung

Wie bei jedem Kielschiff wird die erforderliche Steifigkeit mit einem Mix aus Formstabilität (Breite) und Ballast erzielt. Für möglichst widerstandsarme und symmetrische Linien in gekrängten Zustand, sollte der Rumpf schlank sein. Das erfordert einen hohen Ballast-Anteil. Aber wer eine agile und leichte Yacht haben will, darf nicht zu viel Kielgewicht herumschleppen.

Die ideale Lösung wäre ein Neigekiel, der das am Ende der Kielfinne mitgeführte Blei mit maximalem Hebelarm derart wirksam nach Luv schwenkt, dass weniger Blei als bei einem ähnlich langen Festkiel nötig wäre. Jeder Segler träumt von einem gleichen oder größeren aufrichtenden Moment bei reduziertem Ballastanteil.

Trotz anfänglicher Schwierigkeiten und ungeachtet gelegentlicher Havarien, die bei Regattabooten Teil der steilen Lernkurve sind, gilt die Neigekieltechnik heute als ausgereift. Das Tempo der Volvo Ocean 70 Neigekieler spricht für sich. Der Neigekiel generiert derart viel Power, dass bei den hohen Geschwindigkeiten im Seegang derzeit eher die Struktur der Rümpfe und die Riggs überfordert sind als die Kiele.

Die 70 Füßer sind mit 4 ½ Metern Tiefgang unterwegs, einem für Regattaboote bei entsprechender Hafenwahl soeben noch vertretbaren Maß. Für sehr große Segelyachten wie „Hetairos“ mit entsprechend mehr Tiefgang kommt der Neigekiel allerdings nicht infrage. Zwar gibt es bereits Neigekielsysteme, bei denen sich die Kielfinne in der Mittelstellung anheben lässt, doch wird damit vorerst bei kleineren Booten experimentiert.

Blei-Torpedo in Drachen-Länge

So muss „Hetairos“ für die Stabilisierung klassisch mit Wasserballast arbeiten. Das Schiff ist mit 20 Tonnen unterwegs. Dazu lassen sich 5,6 t Frischwasser und 9,4 t Diesel, insgesamt also 35 Tonnen nach Luv pumpen.

Aber der Clou ist der auf zwei Stufen einziehbaren Liftkiel, dessen 60 Tonnen schwerer Blei-Torpedo sich von neun Metern Tiefgang auf sechs Meter anheben lässt. Das strömungsgünstig geformte, an der Kielsohle leicht abgeflachte Endstück ist mit neun Metern etwa so lang wie ein Drachen.

Bemerkenswert dabei ist, dass der Tiefgang beim Segeln auf sechs Meter reduziert werden kann. Entsprechend anspruchsvoll ist die  Führung der Kielfinne. In dieser reduzierten Segelstellung hat der Kiel eine Idee mehr Tiefgang, als das achtern angeordnete säbelartige Ruderblatt.

Weil sechs Meter Tiefgang zwar praktischer sind als neun, aber noch nicht hafentauglich, können die Anhängsel bei „Hetairos“  weiter, auf 3,50 m Tiefgang eingezogen werden. Dazu wird der Kiel von zwei seitlich abgeordneten Zylindern durch den Esstisch draußen an Deck nach oben gedrückt. Beim fortgesetzten Anheben ragt der Kiel schließlich bis über die Oberkante des Baums hinaus.

Zuvor wurde muss der Großbaum auf die Seite geschwenkt werden. Auch das Ruderblatt wird entsprechend angehoben. Es sollte mit reduziertem Tiefgang aber nicht mehr wie beim Segeln üblich beansprucht werden.

Es gibt zwei Hebemechanismen, einen innen laufenden Dreizylindrigen für die variablen Segelstellungen von neun und sechs Meter Tiefgang. Das weitere Anheben des Kiels übernehmen zwei außen neben dem Kiel sitzende Zylinder.

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Erdmann Braschos

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8 Kommentare zu „Bootsbau Inside: Warum die “Hetairos”-Kollision glimpflich verlief. Das Geheimnis des Crash-Box-Kiels der Superyacht“

  1. avatar T.K. sagt:

    Immer wieder gut der Braschos

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  2. avatar Ole H. sagt:

    Das ist wirklich “inside” – und macht SegelReporters Nachsatz wirklich alle Ehre. Danke für die tolle Story!

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  3. Ich bin beeindruckt! Sehr gut und professionell recherchiert und so einfach zu lesen.
    Einfach Klasse! Danke!
    P.K.

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  4. avatar matches sagt:

    interresanter artikel und gewaltige Dimensionen.
    Danke!

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  5. avatar Sportbootjo sagt:

    Danke für die Info zur der Kielkonstruktion und den Vorkehrung, welche von Designer, Werft und Spezialisten entworfen, geplant und gebaut worden sind. Schön, dass sich der investierte Gehirnschmalz bei der Vorbereitungen auf das Kiel vs. Rock Szenario mehr als gelohnt hat.

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    • avatar T.K. sagt:

      Interessant ist, daß bei den aus dem Hirnschmalz und Computeren entstandenen theoretischen Zeichnungen immer 6 Kerben vorgesehen waren, aber bei der Ausführung nur 4 verbaut wurden. Am Geld hat es sicher nicht gelegen…

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  6. avatar Heini sagt:

    Schließe mich an, die Verpflichtung Braschos’ ist ein echter Gewinn für SR.

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  7. avatar Craig Feigin sagt:

    Awesome article. Thank you for sharing. By the way, you might want to check this out https://twitter.com/feigincraig

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