Winterlager: Mein Freund, der Motor – Eine Leidens- und Liebesgeschichte

Lieber alter Rußrotzer...

Unpassende Propeller, unterkühlter Betrieb, dreiviertel Leistung, zahlreiche Verbesserungen, wiederholte Reparaturen, ein unverziehener Aussetzer, Dieselpest, unwilliges Anspringen und beharrliche Störungssuche – Zeit für die Bilanz eines jahrzehntelangen Fights mit dem Motor.

Braschos Schäre

Meist gehts ja ohne Motor und bei 30 Grad Krängung wäre eh Schluß wegen der Schmierung © Swedesail E. Braschos

Alter Rußrotzer, dreieinhalb Jahrzehnte halten wir es jetzt zusammen aus. Du mich und ich Dich. Jetzt muss ich mal ein ernstes Wort mit Dir reden.

Braschos Motor

Wenn er nicht anspringt, ist meist Luft in der Leitung. Dann heißt es entlüften und pumpen © Braschos

Das erste Jahrzehnt hatten wir einen guten Lauf. Sobald ich den Zündschlüssel drehte warst Du mit vertrautem Rütteln unter dem Bodenbrett da. Du spucktest das Kühlwasser aus dem gestreckten Heck. Leinen los, Gang rein und hurtig wurde zum Segel setzen auf die freie Wasserfläche geknattert. Die Tücher waren noch nicht dicht geholt, da stellte ich Dich wieder ab.

Du kriegtest Deinen Sprit, ab und zu frisches Öl, manchmal sogar neue Filter. Den Deckel zu Deinem dunklen Verlies öffnete ich selten.

Damals nahm ich Deine Bereitschaft zum Anspringen und störungsfreien Lauf selbstverständlich. Doch eigentlich warst Du mir peinlich. Ein Schärenkreuzer ist kein Motorsegler. Die Werft hatte Dich Anno ‘79 so diskret wie möglich eingebaut, Deine Instrumente und Bedienhebel im Fußraum versteckt. Man bückt, verrenkt sich zu Deinem Betrieb.

Püttern blöd wie Busfahren

Braschos Motor

Das Auge tuckert mit: Auspuff und Anlasser in aufgefrischtem Göteborger Volvo-Grün © Swedesail E. Braschos

Mit Dir durch die Gegend püttern erschien mir so blöd wie Busfahren. Welche Pestilenz, wenn Dein Abgas durch die Plicht waberte! Bereits Deine Bemühung war ein Eingeständnis seglerischen Unvermögens. Mit dem schlanken Boot, in dem Du bald 35 Jahre unterwegs bist, lassen sich enge Gewässer wunderbar aufkreuzen. Die Trave, die schmale Rinne des Fehmarnsund bei vorlichem Wind mit Gegenverkehr? Bisher öffnete sich immer eine Lücke.

Ich schob Dir ungeliebtem Gesellen den Gestank und Lärm in die Schuhe. Du, nicht der fehlende Wind und meine mangelnde Geduld und Zeit, machtest das Meer zum faden schnurgerade zu querenden Niemandsland. Tja, alter Rußrotzer, so hab ich Dich gesehen.

Irgendwann kriegte ich mit, dass Du weder auf Touren kamst noch richtig warm wurdest. Der Propeller passte zwar auf die Welle, sein Durchmesser oder die Steigung aber nicht zu Dir. Als ich mich dann mal erkundigte, hatte ich so viele verschiedene Propeller-Spezifikationen wie ich Experten gefragt hatte.

Schnacker und Schrauber

Braschos Schäre

Es geht auch ohne Rußrotzer durch die schmale Rinne nach Orth auf Fehmarn © Swedesail E. Braschos

Ach überhaupt die Experten! Weißt Du, ich brauchte eine Weile um die Schnacker von den Schraubern zu unterscheiden. Beide kosten was. Erstere zusätzlich zum Stundenlohn aber noch fett Lehrgeld oben drauf.

Wie man einen teuren Bootsmotor wie Dich überhaupt mit einer Einkreiskühlung abliefern konnte, bei der Du so lange Seewasser, Sand und Dreck sämtlicher Förden und Flüsse durch Deine Eingeweide pumpst, bis Du verkalkt, vergammelt und verstopft den sicheren Hitzetod stirbst, ist einzig mit dem Geschäftssinn der Motorenbauer zu erklären.

Ebenso frech finde ich es, einen Motor ohne eine Keilriemen-Spannvorrichtung zu liefern. Sie besteht aus einer Gewindestange und einem Sterngriff. Ich sah diese Kleinigkeit im Wert weniger Dollar an Bord einer noblen amerikanischen Hinckley.

Bislang hatte ich Deine Lichtmaschine mit dem Stiel eines langen Schraubenziehers oder Hammers nach außen gemurkst. Nur fehlten dabei zwei Extrahände zum Festschrauben des Generators. Ein marinisierter Kleindiesel wie Du: teuer wie ein Kleinwagen und dafür sparsamst und unpraktisch ausgestattet. Das ist wohl nur in der Bootsbranche möglich.

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Erdmann Braschos

Sein Spezialgebiet umfasst Mega-Yachten, Klassiker, Daysailor und Schärenkreuzer. Mehr über Erdmann findest Du hier.
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14 Kommentare zu „Winterlager: Mein Freund, der Motor – Eine Leidens- und Liebesgeschichte“

  1. avatar Erbsenzähler sagt:

    …Tränen gelacht! Immer noch.
    So isses!
    Vielen Dank für diesen wunderbaren Artikel!

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  2. Super.

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  3. avatar Kluchschieter sagt:

    Grossartig! Warum kommt mir das alles nur so bekannt vor…?

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  4. avatar guido sagt:

    also wenn ich jöckel nich persönlich kennen würde….
    dann hab ich wohl die kleine zickenschwester an bord
    toll geschrieben!!!

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  5. avatar Joop sagt:

    Tja, unsere Senioren brauchen eben Zuwendung.

    Nur gut, dass man die Kleenex-Rollen nicht bei Volvo kaufen muss – dann wäre ich pleite.

    Danke für den schönen Beitrag

    Joop (der gelegentlich um seinen MD11C, Bj. 82, tanzt)

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    • avatar dubblebubble sagt:

      Wer mit Küchenpapier schraubt, kann getrost als fachfremd bezeichnen werden. Vielleicht ist das der Grund für so manche Never-Ending-Story rund um den Bootsdiesel?

      PS:
      Immerhin wurde jetzt eine ökologisch erfreuliche Verwendung für die vielen leeren Kleenex-Papprollen gefunden, die beim Verkehr mit den Grobpartikelschleudern fabriziert wird:

      http://segelreporter.com/wp-content/uploads/2013/12/1326893.jpg

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  6. avatar andreas borrink sagt:

    Lustiger und treffender Artikel, schön geschrieben. Erinnerte mich irgendwie an “Die sonderbare Welt des Seglers Gustav”, falls das noch einer kennt.

    Habe ich gleich meinem Ruggerini vorgelesen, diesem italienischen Nichtsnutz………

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  7. avatar Klaus sagt:

    Ich bete für den alten Rußrotzer, lieber Erdmann Braschos, wenn Sie dann auch für meinen MD7A ein kleines Gebet sprechen.

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    • avatar Erdmann sagt:

      Klaus, Dank für Deine Vintage-Bootsdieselempathie. Irgendwann empfahl einer der mitleidenden Segelfreunde eine Art „Motorchronik“, wo wesentliche Ereignisse und Maßnahmen festgehalten sind. Das hat die Sache auf die Spur gebracht. Kann ich nur jedem empfehlen, der über einen langen Zeitraum Probleme hat. Damit stellte sich heraus, das es nicht eine, sondern verschiedene Ursachen waren. Wer erinnert schon im Detail, was vor 6, 8 oder 12 Jahren passierte oder gemacht wurde?

      Eigentlich muß man sagen: Die Motoren – vielleicht nicht alle, aber bestimmte Typen – sind erstaunlich robust: Lange Stand- und in der Regel sehr kurze Laufzeiten.

      Ich habe aber noch ein echtes Aß im Ärmel. Einer aus dem „Syndikat“ hat schon mehrere VW Porsche restauriert. Der fängt da an, wo ich das Werkzeug resigniert weglege.

      Sollten weltliche Mittel wie Logik, Empirie und fortgeschrittene Schrauberei nicht helfen, würde ich dann auf’s Beten umsteigen. Ansonsten wünsche ich ein gutes Motor-Karma.

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  8. avatar Werner Görlich sagt:

    Erst gestern habe ich im Internet nach preiswerten Angeboten für Bootsmotoren gesucht, da fiel mir direkt http://www.yachtzubehoer24.eu/ ins Auge. Dort gibt es super Angebote und die Auswahl ist groß. Ich habe mich dort auch direkt telefonisch beraten lassen, einfach top! Sehr nette Menschen die einem die Fragen ausführlich beantworten. Ich kann http://www.yachtzubehoer24.eu/ nur empfehlen.

    Heisse Debatte. Was meinst du? Daumen hoch 1 Daumen runter 7

    • avatar Thorsten Paech sagt:

      @Werner, das klingt nur zufällig so wie Werbung oder ? Schreib doch mal Carsten oder Andreas an ob du n Banner buchen kannst

      Super Beitrag, mehr davon! Like or Dislike: Daumen hoch 7 Daumen runter 0

    • avatar skiffsailor sagt:

      Ich würd nenn nannidiesel kaaufen sind super motoren !!!!

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  9. avatar skiffsailor sagt:

    Hallo Dazu kann ich nur sagen nannidiesel einbauen der ist halb so schwer, halb so laut, säuft halb so viel und hält wieder 30 jahre! wir haben auf unser vindö auch etwa ein gleich alter volvo ist ne katastrophe lärm unkonstante energie verliert öl in der bilge quwalmt und stinkt!!!! auf unserem boot in der schweiz das wir jetzt gerade umbauen haben wir in den letzten 10 jahren ein nannidiesel drin gehabt super motor hat mehr leistung wie der alte, wiegt halb so viel (etwa 120 kilo) und hat 29 ps also mehr wie der alte paeter motor!! Die heutige technik ist ja zum glück auch nicht stehen geblieben!

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  10. avatar Ole H. sagt:

    Klasse. Hab Tränen gelacht.

    BTW.: Ich wäre ja für das Gerücht, daß VP das Wechseln der Saildrive Membrandichtung alle sieben Jahre nur aus dem Grund vorschreibt, damit Mechanikers die völlig verrotteten Gehäusebolzen durch neue ersetzen und mit Tikal Tef Gel einsetzen.
    Ebenso ist die Werkstoffqualität der unteren Propellerwelle für mich ein Grund, an der Qualität von “Swedish Steel” zu zweifeln. Und 650 Tacken für ein Ersatzteil schmerzen doch sehr. (Ich weiß, es gibt Passhülsen).

    Andererseits sind die Maschinchen echt robust, nehmen auf vielen (Charter-) Yachten tagelanges Motoren bei Rollbewegungen oder MoSeln bei 20° Lage erstaunlich gelassen. Und lassen sich normalerweise auch ohne eine sündhaft teure Ausstattung mit Spezialwerkzeugen in entlegenen Gebieten der Welt reparieren.

    Ole

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